Was taugt Wix wirklich? Ist es eine Alternative zu WordPress?

Vor ein paar Jahren habe ich mal ein Buch über die Grundlagen von Online-Marketing geschrieben, und darin Homepagebaukästen in einem Satz als ziemlichen Bullshit abgetan. Aber die Entwicklung ist inzwischen vorangeschritten und die US-Version von Wix wirbt jetzt schon mit KI:

Soweit ist die deutsche Variante noch nicht, aber man kann sie ja trotzdem mal testen. Kommt dabei wirklich noch dieser Einheitsbrei heraus, von dem ich einst geschrieben habe? Nun, nein, nicht mehr wirklich, dafür sorgt bei Wix schon die enorme Anzahl an Templates.

Damit man von dieser Anzahl nicht erschlagen wird, leitet Wix einen anhand seiner Anforderungen zu bestimmten Vorschlägen. In meinem Testfall habe ich mal “Unternehmen” gewählt und geguckt, was sie denn so für einen Friseur im Angebot haben. Insgesamt vier Templates, von denen zwei auch wirklich gut waren.

Intuitiv und ausgesprochen umfangreich

Die Personalisierung ist durchaus intuitiv, auch wenn mancher Laie sich dort sicher erst einarbeiten muss. Wer aber schon ein bisschen im Netz unterwegs war, findet sich schnell zurecht und ist angenehm von den vielen Möglichkeiten überrascht. Wenn man also bedenkt das die Raster, denen eine Webseite folgt im Grunde begrenzt sind, kann hier eben doch sehr schnell etwas sehr individuelles gestalten. Bildmaterial stellt Wix zusätzlich kostenlos zur Verfügung, wenn auch hier in einem Umfang das man eben doch im Internet früher oder später auf das gleiche Bild stoßen wird. Was aber bei Stockfotos natürlich auch der Fall ist. Es empfiehlt sich also – in allen Fällen – selbst Fotomaterial herbeizuschaffen.

Besonders gelungen finde ich die Navigation am linken Rand des Editors, über die sich simpel und schnell aller für den normalen Gebrauch notwendigen Webseitenelemente wie zum Beispiel Buttons, aber auch PayPal usw. einfügen lassen. Per Drag & Drop lassen diese sich problemlos an den gewünschten Platz ziehen. Und auch an Extras hält Wix einiges bereit. Etwa einen Shop, den ich allerdings nicht getestet habe, oder ein Booking Tool, über den Besucher der Webseite Termin buchen können.

Mit im Wix-Angebot, ein Booking Tool.

Kurzum, meine ursprüngliche Kritik trifft längst nicht mehr zu. Sind Homepagebaukästen deshalb eine Alternative? Ich würde da mal eher jein sagen. 

Wer sich auskennt, dem bietet Wix eine hervorragende Plattform. Wer sich nicht auskennt, oder schlimmer noch, nur glaubt, sich auszukennen, für den können Angebote wie dieses natürlich ein verdammt tiefes Grab werden. Denn auch wenn man Wix inzwischen zugestehen sollte eine professionelle Alternative zu sein, heißt das noch lange nicht, dass am Ende auch eine professionelle Seite herauskommt. Im Gegenteil, so mancher Laie wird aufgrund der Einfachheit geradezu dazu verführt einfach draufloszulegen und am Ende eine Webseite zu haben, deren Design und Usability grauenerregend ist und von Usern sofort wieder weggeklickt wird.

Macht Wix Designer arbeitslos?

Müssen Designer jetzt angesichts dieser Möglichkeiten um ihren Job fürchten? Nein, müssen sie nicht. Na ja, ein paar natürlich schon, aber der Job für die Guten ihrer Zunft ist nach wie vor sicher. Denn bei aller Personalisierbarkeit, ist das Ergebnis am Ende immer noch eine Zusammenstellung bereits vorhandener Elemente. Und diese sind a) beschränkt vorhanden und b) eben bereits vorhanden. Und zumindest im Augenblick könnte auch eine Künstliche Intelligenz nur aus bereits vorhandenen Elementen eine “neue” Kombination schaffen, aber eben keinen kreativen Prozess. Und der Markt für diese ist noch immer groß, ebenso wie die Anzahl an Kunden, die wirklich wirklich ihr eigenes Ding haben möchten – und das bietet Wix nicht.

Werden Webentwickler arbeitslos?

Dasselbe gilt auch für Entwickler, sogar noch im größeren Umfang. Auch hier bietet Wix für den kleinen Geldbeutel, der bereit ist dafür eben auch Beschränkungen in Kauf zunehmen, durchaus ein gutes Programm. Aber gerade für große Shops oder Seiten mit Mitgliederbereichen usw. hat Wix keine Lösungen im Angebot, schon gar nicht die oft individualisierten Lösungen.

Wix oder WordPress?

Ganz ehrlich, darauf gibt es keine einfache Antwort. Es kommt darauf an … Wer eine private Seite machen möchte, einen kleinen Shop oder ein kleines Geschäft hat und auch willens und in der Lage ist diese Seite selbst zu pflegen, für den ist Wix sicher die bessere Alternative. Zwar ist WordPress zwar das am leichtesten zu bedienende CMS, Wix setzt mit seinem visuellen Editor aber eben noch eine Schicht darüber an. Der Nutzer hat hier ein echtes WYSIWYG, sieht also sofort was er fabriziert.

Auf der anderen Seite bietet die WordPress Community eine derartige Masse an Plugins, das es praktisch für jede Idee eine passende Erweiterung zur Umsetzung gibt. Das Angebot von Wix deckt vielleicht die Grundbedürfnisse ab, wer aber darüber hinaus will – und nicht wenige wollen das früher oder später – ist mit einer beliebig erweiterbaren WordPress-Seite besser bedient. Ähnliches gilt auch für das Design, auch hier ist es nicht unwahrscheinlich irgendwann an Grenzen zu stoßen, die man mit einer eigenen WordPress-Seite locker überspringen kann.

Was Wix letztlich überhaupt nicht bietet, ist eine Beratung. Es ist verführerisch schnell mal einen Online Shop ins Netz zu stellen, ohne das rechtliche Grundwissen fängt man sich dann aber auch in Nullkommnichts eine Abmahnung ein. Das beim Bau der eigenen Seite niemand dabei ist, der auf Faktoren wie Usability geachtet hat, kann man dann später schnell als einen der Gründe identifizieren, warum denn die Erlöse so verdammt niedrig sind. Die Liste der Fangstricke durch eine fehlende Beratung ließe sich wahrscheinlich noch ewig verlängern. Auch hier gilt der Grundsatz, man sollte etwas von dem verstehen, was man da macht. Auch wenn Wix & Co. versprechen, dass jeder – ohne Vorkenntnisse – hier eine erfolgreiche Webseite ins Netz stellen kann.

Und das ist letztlich das Versprechen, das Wix nicht halten kann. Wobei man hier aber auch ein “noch” einfügen könnte, denn viele dieser Faktoren wären etwa durch eine wirklich künstliche Intelligenz abfangbar. Doch bis dahin würde ich nach wie vor einen Vorteil bei WordPress sehen …


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