Weblog

Von den Preußen lernen (1): Der denkende Offizier

Zwar ist Preußen heute eher mit dem Begriff Kadavergehorsam verbunden, aber einst sollte ein preußischer Offizier genau das Gegenteil davon sein.

Für die meisten Menschen ist der Typus eines preußischen Offiziers heute das Musterbeispiel eines Militaristen, der ohne groß nachzudenken einfach einen Befehl ausführt. Völlig egal, was er dafür tun muss. Doch das ist nüchtern und objektiv betrachtet nur ein Zerrbild der historischen Realität. Zwar gab es gerade unter den Nazis viel zu viele solcher Offiziere, aber auch die Widerstandskämpfer vom 20. Juli konnten sich ausdrücklich auf preußische Traditionen berufen. Denn auch wenn etwa die Geschichte Preußens relativ kurz war, gab es doch einige Schwankungen, auch im Bild des jeweils „perfekten Offiziers“.

Und während einer dieser Phasen gab der typische preußische Offizier auch ein gutes Vorbild ab, das auch heute gerade im mittleren Management sehr gut als Vorbild taugt. Der alte Fritz hat dieses Bild einmal auf den Punkt gebracht, als er einem Stabsoffizier entgegenhielt: „Sie sind nicht Offizier, nur um Befehle auszuführen. Sie sind Offizier, weil sie wissen müssen, wann man Befehle nicht ausführt.“

Zwar stellte man in der preußischen Armee das Ausführen von Befehlen nie prinzipiell in Frage, weil man sonst als Armee ja eigentlich gleich einpacken kann. In einer kurzen, aber ausgesprochen erfolgreichen Phase, erwartete man von einem Offizier ausdrücklich auch, dass er vor dem Ausführen eines Befehls auch seinen Kopf einschaltet und über den Befehl und seine Auswirkungen nachdenkt. Und sollte er dabei zu dem Schluss kommen, dass der Befehlt gegen Regeln verstieß oder etwa ein sinnloses Himmelfahrtskommando zur Folge hatte, so stand ihm nicht nur das Recht zu beim Vorgesetzten des Befehlsgebers nachzufragen, sondern er hatte sogar ein Audienzrecht beim preußischen König. Im Laufe der Zeit ließ dieses Selbstbewusstsein im preußischen Offizierskorps allerdings merklich nach, was blieb waren nur noch Stolz, Ehre und das Ausführen von Befehlen. So manch Historiker sah auch darin den Beginn vom Untergang Preußens.

Als diese Regelungen jedoch noch genutzt wurden, auch unter Friedrich dem Großen, hat es der preußischen Armee aber ganz und gar nicht geschadet. Und Friedrich ging mit gutem Beispiel voran und versammelte etwa im Siebenjährigen Krieg Generale um sich, die selbstbewusst waren ihrem König jederzeit zu widersprechen.

An heutige Manager oder Abteilungsleiter stellt das natürlich, wie damals an die Offiziere, eine große Herausforderung. Sie müssen die Waage finden zwischen dem Ausführen von Anweisungen und dem selbstbewusstem Auftreten, wenn man widersprechen muss. Das ist mitunter nicht leicht und hängt neben dem eigenen Charakter natürlich auch vom eigenen Vorgesetzten ab. Duldet dieser keinen Widerspruch oder empfindet er es als Verrat, wenn sich einer seiner leitenden Mitarbeiter an die nächst höhere Stelle wendet, ist – man verzeihe mir den Ausdruck – die Kacke am Dampfen. So etwas funktioniert natürlich am Ende nur dann, wenn zwischen den einzelnen Positionen eine gewisse Vertrauensbasis herrscht. Nicht allem, was einem beim ersten Blick nicht gerade sinnvoll erscheint, muss sofort widersprochen werden. Nicht jede geäußerte Kritik eines Mitarbeiters hat das Ziel, einem die Position streitig zu machen. Eine Win-Win-Situation entsteht nur in einer offenen Unternehmenskultur, in der konstruktive Kritik möglich ist, um das gemeinsame Ziel zu verfolgen.

Vielleicht hilft in manchen Fällen auch ein weiterer Vergleich zu Offizieren einer Armee. Diese hatten schließlich nicht nur die Aufgabe Befehle zu geben oder eben weiterzugeben, sie hatten nicht nur die Aufgabe ihre Untergebenen zu führen – sie hatten eben auch die Verantwortung für ihre Soldaten. Und ein Abteilungsleiter von heute trägt ebenso die Verantwortung für seine Mitarbeiter. Er muss dafür sorgen, dass sie gute Arbeitsbedingungen gestellt bekommen, um gute Arbeit leisten zu können. Und er muss sie auch vor Überarbeitung und Ausbeutung schützen, die vielleicht kurzfristig den Erfolg steigern kann, aber anschließend nur in einem dafür umso tieferen Absturz endet. Denn gleichgültig wie hierarchisch ein Unternehmen aufgebaut sein mag, man ist immer auf den anderen angewiesen – ob dieser jetzt in der Hierarchie unter, neben oder über einem steht. Und das sollte letztlich zu einem verantwortungsbewussten Umgang miteinander führen.

Teilen macht Freude.