Vom Publizieren im Internet

Heute ist meine vorerst letzte Kolumne bei DenkZeit erschienen, das Projekt, das ich auch als Chefredakteur begleiten durfte steht erst mal still … ob es wieder Fahrt aufnimmt, ich weiß es nicht.

Wenn wir von den Vorteilen des Internets reden, dann fällt auch oft das Argument, dass es heute praktisch jedem möglich ist seine eigene Meinung zu publizieren. Und zwar nicht einmal im Korsett eines Social Media-Angebotes wie Twitter oder Facebook, sondern schon mit ein paar – zumindest relativ – leichten Handgriffen auf seiner eigenen Webseite. Die Software gibt es gratis und Domain und Webspace kosten meist nicht mal einen Fünfer im Monat.

In gewisser Weise hat dieses Konzept aber auch ein in sich begründetes Problem: Jeder kann Publizist werden, aber wo sind die Leser dazu? Was nützt es seine eigene Meinung sagen zu können, wenn sie niemand hört? Oder eine grandiose Kurzgeschichte zu schreiben, aber niemand kommt vorbei um sie zu lesen.

Der Traum vom Publizistenleben im Internet ist so etwas wie die Digitalisierung des amerikanischen Traums. Jeder weiß, dass das eigentlich Bullshit ist, aber jeder kann auch jemanden nennen, der diesen Traum lebt. (Faktoren wie vorherige Mittel oder gar den Zufall, übersieht man dabei allzu schnell.) Die Zeiten in denen einfache Blogs quasi zu etablieren Medien werden konnten, sind seit einigen Jahren vorbei. Wenn es sie denn je gegeben hat, denn in den meisten Fällen haben sich die Blogger dahinter eher als Person etabliert, als als durch ihr Blog. Und dennoch ist das Internet doch voller kleiner Publikationsplattformen, die sich durch Spenden, Crowdfunding oder Mitglieder finanzieren? Ist doch so, oder? Ja, ist so, aber …

Finde deine Nische, ist einer der häufigsten Ratschläge, die man auch unabhängig vom Thema Publizieren im Internet oft hört – und da ist etwas dran.

Es ist ein wenig zu früh die kompletten Gründe für das Scheitern von DenkZeit zu finden, aber in gewisser Weise gehört dieser Punkt wahrscheinlich dazu. Es war als ein Online-Kulturmagazin in drei Sprachen angelegt. Und ja, Kultur ist ein dehnbarer Begriff, erst recht wenn man mindestens drei Kontinente als ihren Ursprung begreift. Statt Nische hieß es also, ja, eigentlich alles. Und damit konkurrierte es mehr oder weniger schlicht mit etablierten Online-Ablegern von Zeit, Spiegel usf. Eine zumindest sportliche Herausforderung, nicht wahr?

In der modernen Aufmerksamkeitsindustrie bekommt jener die meiste Aufmerksamkeit, der am lautesten provozieren kann. Oder um es mit Alfred Tetzlaf zu sagen:

Und wieder wäre das so ein Punkt, den DenkZeit nicht erfüllt hat. Übrigens ganz bewusst nicht erfüllen wollte, was glaube ich viel damit zu tun hatte, das viele Leser das Magazin auch gerade deshalb als angenehm menschlich empfunden haben. Auf der anderen Seite ist es aber durchaus auch einen kritischen Gedanken wert, ob man mit einer „Friede, Freude, Eierkuchenwelt“ dem Anspruch eines Online-Magazins gerecht werden kann? Am Ende lief es aber meist darauf hinaus, dass der einzige, der sich durch einen Artikel hier und da provoziert fühlte ich war, sozusagen als der rechte Rand, des ganzen Projektes.

Aber selbst wer seine Nische findet und weiß auf der Klaviatur der Aufmerksamkeitsökonomie zu spielen, benötigt am Ende entweder gaaaaanz viel Glück oder wahlweise gaaaaaanz viel Geld. In unserem Fall wäre das Geld etwa allein der vielen notwendigen Übersetzungen nötig gewesen, da mehr oder weniger jeder Artikel in Deutsch, Englisch und Spanisch erschienen ist. Das das ursprüngliche Team von drei Leuten nach ein paar Monaten auf zwei geschrumpft ist, und ich zum Beispiel bei meinem Lohn-und-Brot-Job von 20 Stunden gehörig aufstockte, war natürlich auch nicht hilfreich. Wobei ich im Nachhinein sagen muss, auch zu dritt war das alles sehr sportlich. Am Ende war DenkZeit für das verbleibende Team der zweite Vollzeitjob neben dem ersten – was das Auftauchen der entsprechenden Probleme zu einer Frage der Zeit machte. Vor allem weil man letztlich in gewisser Weise eben doch den Gesetzmäßigkeiten des Publizieren im Internet folgen muss, was es zum Beispiel ausschließt einfach mal nur eine Hand voll Beiträge jeden Monat zu veröffentlichen. Gegen Ende war nur noch für Außenstehende der Eindruck vorhanden, hier werde quasi täglich etwas veröffentlicht, in Wahrheit war der monatliche Content schon mehr als verdünnt. Die Besucherzahlen spiegelten das wieder. Von Beginn an nicht berauschend, sanken sie sogar.

Lag das auch an den Inhalten? Ja, auch das muss man klar sagen. Ich hatte zu Beginn tatsächlich zwei Fehleinschätzungen getätigt. Zum einen überschätzte ich den Bedarf nach hochwertigen Inhalten, oder besser gesagt, ich dachte, so schlimm kann das nicht sein. Zum anderen überschätzte ich aber auch die Wirkung von relativ guten Namen von Autoren, die aber online wenig bis gar nicht stattfanden. Oder mit anderen Worten, auch mit einem hochwertigem Text von gestandenen Autoren, kann man im Internet auch nicht gerade ganze Balkonausstattungen von Blumentöpfen gewinnen.

Im Internet weiß eben nicht nur niemand, ob du ein Hund bist, sondern auch, ob es in der örtlichen Stadtbücherei Bücher von dir zum ausleihen gibt.

Unterm Strich bedarf es aber für so ein Projekt auch eine ganze Menge Leute mehr, als die Redaktion des Online-Magazins. Zuallererst natürlich Autoren … und davon hatte DenkZeit eine ganze Menge engagierter Menschen versammelt. Menschen, denen ich auch ganz persönlich dankbar für ihre Unterstützung bin – moralisch wie durch ihre beigesteuerten Texte. Dennoch steht dieser Gruppe natürlich auch eine ähnlich große Gruppe von weniger engagierten Leuten gegenüber, was es von Monat zu Monat schwieriger machte die Ausgabe überhaupt vollzubekommen. Das alte Problem mit Projekten, die einen langen Atem brauchen: Zum Durchhalten brauchst du Erfolge, für Erfolge musst du aber erst einmal lange genug durchhalten.

Am Ende fehlte allerdings auch mir die Energie zum Durchhalten, weshalb ich an dieser Stelle den ersten Stein lieber in der Hosentasche lasse.


Es bleibt aber noch die Kernfrage dieses Beitrags unbeantwortet. Kann man vom Publizieren im Internet leben, oder zumindest nennenswerte Einnahmen dadurch verbuchen?

Die Antwort ist ja, wenn …

  • man eine Nische findet und sie besetzen kann;
  • man einen nahezu Vollzeitaufwand investieren kann;
  • man ein ausreichend großes Startkapital hat;
  • man ein Team um sich hat, das groß genug ist und mit dem gleichen Hang zur Selbstausbeutung verflucht wurde;
  • man bereit ist (vorwiegend gesellschaftspolitisch) zu polemisieren;
  • man Glück hat.

Am Besten sollte man aber all diese Punkte zusammen haben …

About Thomas Matterne

Thomas Matterne ist Chefredakteur des dreisprachigen Online-Magazins DenkZeit und als Online-Marketing-Manager tätig. Der ausgebildete Journalist hat ein Diplom in Wirtschaftsinformatik, und schreibt an dieser Stelle über IT-, Online-Marketing- und SEO-Themen - unteranderem.

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