Weblog

„Unser Hauptgeschäft läuft längst online“

Ab wann kann man ein Geschäft eigentlich als „alteingesessen“ oder „eine Institution“ bezeichnen? Ab 50 Jahren, 100? Wie auch immer, in den meisten deutschen Innenstädten gibt es solche Geschäfte und sie werden immer weniger.

Hier in Würzburg wird Ende Juni mit Schlüssel-Wagner ein solches Geschäft die Tore schließen, nachdem man 60 Jahre dort vertreten war. Schlimm, werden jetzt die meisten denken. Schon wieder ein kleines Ladengeschäft vom bösen Online-Handel verdrängt. Doch gemach, niemand verliert seinen Job durch die Schließung. In einer kleinen Nachbargemeinde gibt es die jetzt letzte Niederlassung, wie Firmenchef Simon Wagner gegenüber der Regionalzeitung Main Post feststellt, und das Hauptgeschäft laufe längst online. In der Tat ist Schlüssel Wagner schon seit einiger Zeit mit einem Online-Shop im Netz vertreten.

Das die Innenstädte dadurch verarmen steht natürlich auf einem anderen Blatt. Auch hierfür macht man gerne das Internet verantwortlich, aber das ist wohl nur die halbe Wahrheit, vielleicht auch nur ein Viertel davon. Kleinen Geschäften geht es mitunter genauso wie den normalen Leuten, die hohen Mieten treiben sie an den Stadtrand. Bei Geschäften tut der Kunde sein übriges. Der kann nur noch befriedigt werden, wenn der Konsum nicht mehr der Deckung des Bedarfs dient, sondern ein Event wird. (Auch um zu vertuschen, dass man über Bedarf einkauft? Aber das ist eine andere Geschichte.) Gegen die Innenstädte spricht allerdings oft auch schlicht und einfach der Platz.

„So stieß auch der expandierte Schlüssel Wagner bald an seine Grenzen,
wenn auch nur räumlich. […] Den meisten Platz bietet das Internet und auch hier fühlt sich Wagner Sicherheit inzwischen schon zuhause. 100.000 zufriedene Online-Kunden und 25.000 Versendungen pro Jahr machen uns besonders stolz auf unseren Onlineshop.“ – Quelle: Schlüssel Wagner

 Auf diese Erkenntnis mal ein „Yeah, Baby, so läuft’s im Showbiz!“. Die Zeiten ändern sich, auch das ein Zitat von obiger Seite, und man kann den morschen Baum spielen, der irgendwann bricht, oder eben den Bambus, der sie biegt – aber eben nicht bricht.
Was mich übrigens so sicher macht, dass Schlüssel Wagner die digitale Transformation überlebt, ist weniger die Tatsache das sie den Verkauf übers Internet als Chance und nicht als Bedrohung begriffen haben. Seien wir ehrlich, einen 08/15-Online-Shop kann heute quasi jeder online bringen. Wer keine eigene Software oder gar professionelle Hilfe in Anspruch nehmen will, ist zwar ein Dilettant, wird das aber dank Baukästen erst mal nicht bemerken. Wobei sich die Baukästen natürlich so rasant weiter entwickeln, dass sich das bald auch ändern kann. Aber was ich eigentlich sagen will, einfach einen Online-Shop aufzumachen, selbst wenn man noch ein wenig Marketing für den Shop betreibt, ist auch nicht viel besser als der Firmenchef, der meint „Wir haben doch eine Webseite, macht die nicht der Sohn des – wie heißt er doch gleich?“.
Auf der Gewinnerseite des digitalen Wandels zu kommen bedeutet allerdings noch mehr, es bedeutet zu verstehen das dieser Wandel eben mehr ist als nur ein neuer Vertriebskanal, sondern ganze Geschäftsmodelle zu Veränderungen zwingt oder schlicht obsolet macht. Ich zitiere nochmal Schlüssel Wagner:
„Die Sicherheitstechnik hat sich rasant weiterentwickelt. Was früher „nur“ ein Schlüssel war, ist heute ein ganzes Gebäudekonzept geworden.“ – Quelle:  Schlüssel Wagner
Veränderung ist Bestandteil des Geschäfts, das ist übrigens keine Erfindung der digitalen Welt, als Firmengründer Hans Wagner 1956 begann, verkaufte er Autozubehör und konzentrierte sich erst danach auch Schlüssel. Und heute? Na ja, wir haben fast alle ziemlich klimpernde und dicke Schlüsselbunde in unseren Taschen, aber wie lange noch? Es ist Urlaubszeit, nicht wenige werden in ihren Hotels statt Schlüssel wieder Karten bekommen, um ihr Hotelzimmer ab- oder aufzuschließen. Und so mancher meint, dass solche Karten auch nur eine Übergangslösung sind. Wer weiß schon mit was wir in zehn, zwanzig Jahren unsere Wohnungstüren öffnen werden. Aber das Verfahren dürfte eher jenen ähneln, die wir heute aus Hochsicherheitsszenarien kennen, als den guten alten Metallschlüssel.
Wie so ziemlich alles in unseren Wohnungen wird auch die Schlüsselform in ein Smart Home-Konzept eingebettet sein. Das kann man begreifen und an der Entwicklung erfolgreich mitwirken – oder man kann tapfer der letzte Schlüsselschleifer in der Stadt sein und sich fragen, warum denn keine Kunden mehr kommen, wo man doch so schöne Schlüssel macht.
Teilen macht Freude.
  • 5
    Shares