Sollen Verlage ihre Kommentarfunktion abschalten?

Gemach, auch nach der Lektüre von Martin Weigerts Kolumne Beleidigungen, Hetze, Verschwörungstheorien: Warum News-Seiten ihre Kommentarfunktion abschaffen sollten bin ich nach wie vor ein Anhänger der Kommentarfunktion an sich. Kommentare sind für mich ein Angebot der Meinungsfreiheit, deshalb habe ich sie immer verteidigt. Hier in meinem Blog schalte ich jeden Kommentar frei, der nicht rechtswidrig ist oder Dritte übelst beleidigt – ich persönlich bin da nicht so zimperlich. Ich habe ein einziges Mal eine Kommentarfunktion geschlossen, als Online Redakteur bei einem regionalen Fernsehsender – damals ging es um eine Reihe von türkischen Flaggen die im fränkischen Würzburg aufgehängt waren und dementsprechend rechtsextreme Kommentatoren anzogen. Ansonsten habe ich auch intern immer mit Verweis auf die Meinungsfreiheit alles freigeschaltet, auch wenn sich intern damit jemand auf die Füße getreten gefühlt hat (was durchaus vorkam).

Die andere Seite ist aber natürlich, dass Kommentare ein Angebot von Meinungsfreiheit sind, aber kein Seitenbetreiber dazu verpflichtet ist dieses Angebot auch zu machen. Außerdem ist er letztlich für den Inhalt seiner Webseite verantwortlich, zu diesem zählen auch die Kommentare. Er muss dazu stehen können bzw. zu einer toleranten Kommentarpolitik. Tut er das nicht, ist es sein gutes Recht. Wenn er eine strengere Kommentarpolitik fährt, sollte er dies nur auch kommunizieren. Und wenn er gar keine Kommentare zulässt, dann auch gut.

Das die Kommentare unter Artikeln seit langem zu dem Sorgenkindern von großen Portalen gehören, ist nicht unbedingt neu. Die aktuelle Situation der Diskussion um die Flüchtlinge, die zu uns kommen, treibt dieses Problem nur gewissermaßen auf die Spitze. Aber Herr konnte man ihm schon zuvor nur schwer werden. Den richtigen Königsweg hat noch niemand gefunden, lediglich setzen die meisten Angebote inzwischen wohl auf eine Art Sicherheitsregelung, indem entweder nur angemeldete User kommentieren können oder in der nächsten Stufe Kommentar freigeschaltet werden müssen. Letzteres ist natürlich arbeitsintensiv – und mit arbeitsintensiven Vorgängen ist es in einer Branche, die Gewinne lieber durch Einsparungen erwirtschaftet, als durch Innovationen, bekanntlich so eine Sache.

Weniger arbeitsintensive Möglichkeiten sind weitgehend gescheitert. Eine Blacklist für gewisse Worte wirkt heute fast schon putzig – oder hilflos, je nachdem wie man die Sache betrachtet. Außerdem müsste dahinter auch mindestens ein Algorithmus stehen, der die Worte nur anhand eines bestimmten Zusammenhangs herausfiltert. Also zum Beispiel „Der Führer würde hier aufräumen“, aber nicht „Die Touristen sind doch selbst schulde, wenn sie einem schlecht ausgebildeten Führer hinterherlaufen.“. Viel Spaß beim Programmieren …

Versuche wie eine Klarnamenpflicht darf man als gescheitert ansehen. Facebook beispielsweise versucht eine Klarnamenpflicht durchzusetzen, die Diskussionen dort werden nicht unbedingt besser. Außerdem erinnere ich mich im letzten Sozipod von einem Versuch in Südkorea gehört zu haben, wo die Klarnamenpflicht die Sache sogar noch verschlimmerte. Abgesehen davon, wer in Deutschland das Wort „Klarnamenpflicht“ auch nur in den Mund nimmt, hat schon die Hand des kopfschüttelnden Datenschutzbeauftragten auf seiner Schulter.

Was gab es sonst noch für nennenswerte Versuche? Mir fallen gerade nicht mehr ein.

Am Ende kommen wir wieder bei der Moderation an, die die einzig sinnvolle Methode zu sein scheint. Dahinter muss man dann auch nicht zwangsläufig Zensur sehen, schließlich wird auch in der Printausgabe nicht jeder Leserbrief abgedruckt. Es ist eine Frage der Auslegung, ob man aus dem praktisch unbegrenzt vorhandenen Platz ableiten will, im Netz könne man ja aber doch jetzt allen Schreibern eine Möglichkeit geben ihren Kommentar abzugeben – oder ob man nicht eher damit argumentiert, dass die in der Zeitung veröffentlichten Leserbriefe eine journalistische Vorauswahl durchlaufen haben. Ich neige eher zu letzterem Argument. Schließlich ist die Zeitung am Ende des Tages auch in ihrer Online-Variante immer noch ein journalistisches Produkt und sollte nach eben diesen Leitlinien auch geführt/veröffentlicht werden.

Ob man sich dagegen auf den Standpunkt stellen sollte, die Kommentarfunktion komplett abzuschalten, da bin ich mir wie gesagt nicht sicher. Zwar ist es einzig und allein die Entscheidung des Seitenbetreibers, und es gibt auch nachvollziehbare Gründe, auf der anderen Seite wurde in den Jahrzehnten zuvor ja auch die Rubrik „Leserbriefe“ nie eingestellt, obwohl dort auch mehr oder weniger geistig gesunde Menschen geschrieben haben. Freilich haben die heutigen Online-Kommentare nicht nur eine andere Quantität, sondern auch Qualität – aber ändert das wirklich etwas am Prinzip? Ich glaube in dieser Frage sollten wir auch eher über das Prinzip diskutieren, als über eine Liste von Vorteilen, die bei Abschaltung der Kommentarfunktion wegfallen würden. Die direkte Verknüpfung zwischen Artikel und Kommentar, das Feedback des Lesers usw. usf., dass alles wäre in seiner Summe vielleicht sogar verzichtbar, aber allein die Wirkung nach Außen wäre meiner Ansicht nach fatal. Nicht nur, weil der Verlag auf diese Weise signalisiert, was er von Lesermeinungen hält, sondern auch, weil seine Begründung nichts weiter wäre, als eine Kapitulation vor trollenden Kommentatoren.

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Hinweis: Dieser Beitrag erschien zuerst auf Intellektuelles Weichei.

About Thomas Matterne

Thomas Matterne ist Chefredakteur des dreisprachigen Online-Magazins DenkZeit und als Online-Marketing-Manager tätig. Der ausgebildete Journalist hat ein Diplom in Wirtschaftsinformatik, und schreibt an dieser Stelle über IT-, Online-Marketing- und SEO-Themen - unteranderem.

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