Es war eine Symbol für die heutigen Verhältnisse, als Mark Zuckerberg vor ein paar Wochen eine Hand voll EU-Parlamentarier anbot ein paar Selfies mit ihm zu machen. Offiziell nannte man es Befragung, aber was dort live übertragen wurde zeigte, wie unwissend und machtlos die Politik heute geworden ist. Und das ist in vielfacher Hinsicht ein Problem.

Ein Problem auch deshalb, weil Macht Verantwortung mit sich bringt und ein gewisses Können voraussetzt. Ein Beispiel: Auf die Frage wie Facebook Hasspostings, Gewalt und illegale Pornografie unter Kontrolle bringen will, spulte Zuckerberg auch diesmal die Platte der „Künstlichen Intelligenz“ ab. In den Ohren der Parlamentarier mochte das sogar gut klingen, wahrscheinlich weil niemand unter ihnen war, der von KI mehr weiß, als was man in Broschüren und Pseudo-Dokus so erfahren kann.

In der gestrigen Welt am Sonntag wurde Jaron Lanier, der nicht wenigen als der fachkundigste und profilierteste Kritiker des Netzes gilt, gefragt, ob er daran glaube, dass KI hier helfen könne. Seine Antwort:

„Natürlich nicht. Jeder, wirklich jeder im Silicon Valley weiß, dass das totaler Bullshit ist.“ – Quelle: WamS, 03.06.2018

KI ist noch immer in erster Linie ein Marketingbegriff, mehr nicht. Weder der Assistent von Google, noch Alexa sind mit einer KI ausgestattet, auch nicht die unter diesem Label laufenden Projekte von IBM. All das ist eigentlich nichts weiter als maschinelles Lernen. Mit anderen Worten, ein Algorithmus versucht den Weg A, wenn das nicht klappt, versucht er den Weg B, wenn dieser klappt, geht er ihn und versucht ihn als B1 zu optimieren, klappt das nicht, kommt Weg B2 usf. Früher nannten wir sowas einfach Try and Error.

Lanier’s Antwort geht allerdings noch weiter:

„Die wirklich interessante Frage ist, ob er [Mark Zuckerberg] selbst glaubt, was er da sagt. Es könnte sein, dass dem so ist.“ – Quelle WamS, 03.06.2018

Eigentlich müsste es Zuckerberg aus Erfahrung besser wissen. Facebook beschäftigte lange ein Redaktionsteam, um Inhalte zu kontrollieren. Als das Thema „Fake News“ aufkam, ließ er es durch einen Algorithmus ersetzen. Das Ergebnis waren noch mehr Fake News. Die Redakteure waren allerdings noch so etwas wie die Glücklichen in den USA, denn Facebook kann auch anders.

Im Prinzip kann jeder alles bei Facebook online stellen. Und dazu gehören auch Bilder und Videos die die tiefsten menschlichen Abgründe zeigen: Vergewaltigungen, Mord, Kindesmissbrauch oder der im Livestream übertragene Selbstmord! Wer entscheidet also was online stehen darf und was nicht. Es sind überarbeitete junge Leute etwa auf den Philippinen. Content Moderatoren, werden sie genannt, selbst diese Tätigkeit hat noch einen hübschen Namen für die Visitenkarten bekommen.

Die deutschen Filmemacher Moritz Riesewieck und Hans Block zeigen mit ihrem Dokumentarfilm The Cleaners gerade in bedrückender Weise was es heißt, Content Moderator für Facebook zu sein.

Acht Sekunden bleiben einem Content Moderator um entweder „ignore“ oder „delete“ zu sagen, zu entscheiden, ob ein Beitrag online sein darf oder nicht. Wenn jemand endgültig den Glauben an die Menschheit verlieren möchte, muss er nur diesen Job machen. Und anders als die von Zuckerberg herbei-fantasierte Künstliche Intelligenz, gehen diese Leute am Abend nach Hause, den Kopf voller Bilder mit Mord und Vergewaltigungen, mit körperlich und seelisch gebrochenen Kindern.

Vielleicht hätten die EU-Parlamentarier Mark Zuckerberg fragen sollen, ob er angesichts dessen vielleicht zumindest ein bisschen weniger gut schlafen kann, statt sich mit ihm auf einem Selfie abbilden zu lassen.

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