Fragt mich doch heute jemand, ob ich mir den Erfolg von Snapchat erklären könnte. Da sitzt du dann erst Mal da und weist so schnell keine Antwort. Der hässliche Gedanke kommt in deinen Kopf, dass du vielleicht alt bist. Immerhin sind nur noch 12 % deiner Altersgenossen aktive Mitglieder bei Snapchat, siehe futurebiz. Vielleicht ist es ja schon soweit, und du verstehst die jungen Leute nicht mehr. Mit diesen Youtube-Videos hat es angefangen, deren Erfolg konntest du dir noch erklären, auch wenn du ihn nicht wirklich berechtigt fandest. Aber Snapchat? Ist das nicht ein Instagram, nur mit Verfallsdatum? Oder einfacher ausgerdrückt, was soll’n der Scheiß?

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Von Snapchat, Inc. – https://twitter.com/Snapchat, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=37705935

Genug gejammert, und selbst wenn, so mancher wird heute gar nicht mehr an Snapchat vorbeikommen. In den USA längst eine der großen Nummern, wird der mobile Dienst auch bei uns immer wichtiger. Snapchat ist tatsächlich mehr, als ein Dienst mit der ein Typ unter der Dusche zum ersten großen Star geworden ist. Auch was die etwas etablierteren Stars angeht, etwa aus Hollywood & Co., findet gerade eine kleine Migrationswelle von Instagram nach Snapchat statt. (Stellt euch mal ein Instagram ohne den Kardashian Clan vor, nie wären wir einer perfekteren Welt näher, oder?) Das hat natürlich vor allem auch mit dem Zielpublikum zu tun, man will junge Leute ansprechen und während die Alterspyramide bei Instagram zumindest bis zu den 55-Jährigen erstaunlich ausgeglichen ist, sind bei Snapchat über 50 % jünger als 24. Die junge Zielgruppe, so wie sie sich der olle Thoma von RTL damals vorgestellt hat. Nehmen wir das mal als Fakt, und heben uns die Zielgruppendiskussion für später auf.

Jessica-Alba-Snapchat
Irgendwer speichert immer Fotos von Jessica Alba.

Zudem ist Instagram doch recht prüde, keine Woche vergeht, an der nicht mindestens eine Aktion von stillenden Mütter auf dieses Paradebeispiel amerikanischer Prüderie hinweisen muss. Ob Snapchat prüde ist oder nicht, ist allerdings ohne jede Bedeutung, denn die Bilder verschwinden schließlich nach einer vorher festgelegten Anzahl von Sekunden. Das erklärt nicht nur den DJ unter der Dusche, sondern durchaus auch den Ruf von Snapchat als Versandoption für Penisbilder. Diese Flüchtigkeit der Fotos ist übrigens offenbar recht einfach auszuhebeln, zumindest befinden sich auch die bereits gelöschten Fotos in so manchem Zwischenspeicher des Handys noch einige Zeit länger. Und aktiv speichern lassen sich die Fotos am Ende auch.

Besteht also der Hauptgrund für den Erfolg darin, dass Jugendliche es einfach cool finden? Mag sein, aber auch für diese Coolness muss es ja Gründe geben, oder?

Snapchat ist cool, aber warum eigentlich?

Als Windows Mobile-Nutzer bin ich privat bisher noch von Snapchat verschont geblieben, aber dem Vernehmen nach soll die App nicht gerade intuitiv bedienbar sein. Auf der anderen Seite kann man viele lustige Bilder, Sprüche und was weiß ich nicht noch alles einfügen. Wer das bei Instagram machen will, kommt um zusätzliche Fremdapps nicht herum. Aber auch das alleine dürfte den Erfolg bei Jugendlichen immer noch nicht erklären. Aber irgendwie würden solche „Sticker“ bei Instagram auch fehl am Platz wirken – und damit nähern wir uns einem weiteren Punkt.

Nun ist nicht jeder Instagramer ein Profifotograf, aber der ursprüngliche Erfolgsfaktor von Instagram waren ja die Filter, mit denen auch Schnappschüssen ein profihaftes Aussehen verpasst worden konnte. Snapchat kommt in gewisser Weise genau aus der gegensätzlichen Richtung, es geht um den Schnappschuss, nicht um das perfekte Foto. Oder mit anderen Worten, Instagram setzt auf den schönen Schein, bei Snapchat herrscht die Authentizität. Und ließe sich aus der kürzlich veröffentlichten Sinus-Jugendstudie „Wie ticken Jugendliche 2016?“ nicht auch eine gewisse Suche der Jugendlichen nach Authentizität herauslesen?

Damit hätten wir dann natürlich auch schon die wichtigste Handlungsanweisung für Unternehmen, die auf Snapchat Erfolg haben wollen. Wie kaum ein anderes soziales Netzwerk ist hier ein authentisches Auftreten von größter Bedeutung. Egal ob man jetzt mit flüchtigen Fotos erfolgreich sein will, oder mit ganzen durch Fotos erzählte Geschichten – die eine längere Halbwertszeit haben. Man sollte nicht gestellt herüberkommen, sondern den Grundsatz beachten, dass Snapchat auch dazu da ist, andere am eigenen Leben oder Wirken teilhaben zu lassen. Wer mit allzu gestellten Szenen daherkommt, ist auf Instagram oder besser noch auf Pinterest weit besser aufgehoben.

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