Rezension: „Moxyland“ von Lauren Beukes

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Stell dir vor du hättest die Wahl zwischen einem Handy in der Tasche oder eben nicht. Wobei es zwei Dinge zu bedenken gibt: Zum einen kannst du ohne Handy nicht mal mehr einkaufen gehen, zum anderen hat die Polizei aber die Möglichkeit dir darüber eine Art elektrischen Schlag zu verpassen und dich als Strafe für ein Vergehen eine Zeit lang „abzuschalten“.

Im Südafrika der nahen Zukunft, das die Autorin Lauren Beukes in ihrem Roman Moxyland entwirft, haben die Menschen genau diese Entscheidung zu treffen. Bereits 2008 im Original veröffentlicht, wäre die Entscheidung pro-SIM-Karte oder contra-SIM-Karte wohl heute einfacher mit sei online, oder sei offline zu beschreiben. Entweder hast du ein Handy, das mehr oder weniger dein gesamtes Leben organisiert und abspeichert, oder du gehörst zu den heimatlosen Straßenkindern und Obdachlosen. Und arm zu sein ist kein Spaß in einer durchkommerzialisierten Welt, in der es scheinbar keinen Flecken mehr ohne Werbung gibt und in dem Regierung und Wirtschaft längst so eng verwoben sind, dass man von einer Demokratie längst nicht mehr sprechen kann. Vielmehr haben sich wenige Firmen das Land unter sich aufgeteilt. Wer bei ihnen einen Job gefunden hat, gut, der darf exklusive Untergrundbahnen benutzen und wohnt in schicken Apartmenthäusern, die Wellness und Shopping inklusive haben. Der Rest der Gesellschaft malocht mehr oder weniger durchs Leben und ist immerhin noch besser dran, als wäre er SIM-Karten-los und damit am Ende nicht existent.

Beukes schickt in diese digitalisierte Apartheit vier unterschiedliche Aktionisten, die jeweils abwechselnd ihre Geschichte erzählen und sich mehr oder weniger durchschlagen. Wobei der eine, Tendeka den idealistischen Revolutionär gibt, der sich wiederum des nihilistischen Webcasters Toby bedienen muss, weil dieser die geschickte Programmiererin Lerato kennt, die Tendeka eben für seine Aktionen benötigt. Ein Idealist, ein Nihilist und eine Frau auf der Suche nach den nächsten Thrill. Ergänzt wird das Quartett durch die junge Fotokünstlerin Kendra, die den Widerspruch in sich vereint ihre Kunst mit einer alten analogen Kamera zu auszuleben und sich gleichzeitig kleine Nanobots hat spritzen lassen, die sie zwar im Nebeneffekt immun gegen so ziemlich jede Krankheit machen, sie aber auf der anderen Seite auch in eine lebende Werbesäule verwalten. Wie gesagt, in diesem zukünftigen Südafrika ist auch der letzte Fleck noch für Werbung reserviert.

Auch wenn sich Lauren Beukes mit der Beschreibung technischer Einzelheiten mehr oder weniger zurückhält, wirft sie doch an manchen Stellen einen genaueren Blick auf mögliche Entwicklungen. Wobei man eigentlich natürlich sagen müsste, auf mögliche Entwicklungen aus der Sicht des Jahres 2008. Es gehört zu den unsteten Zeiten, in denen wir gefangen sind, dass einige von Beukes technischen Zukunftsszenarien heute schon altbacken oder überholt erscheinen. Aber das ist am Ende ja auch nicht wirklich wichtig, denn im Grunde geht es um zwei Aspekte, die in gewisser Weise sehr leicht in die heutige Zeit Version der Zukunft übersetzbar sind. Wie bereits am Anfang geschrieben, statt in Besitz einer SIM-Karte zu sein, ist man aus heutiger Sicht eben online oder offline, man gehört also dazu oder eben nicht. Apartheid 2.0 sozusagen, nur ohne Rassismus. Und wenn man dazu gehört, dann ist man Bestandteil einer Gesellschaft, die von Konzernen beherrscht und durch Repressionen kontrolliert wird. Nicht umsonst empfindet Lerato, als ihr Handy zerstört wird, einen kurzen Moment der Freiheit. Nur frei sein heißt eben auch zu hungern, zu frieren, Freiwild zu sein – da sieht sie dann wieder die rettenden Arme der Konzern.

Fazit: Lauren Beukes legt eine düstere Zukunft vor, in der sich aber der angepasste Mensch durchaus wohlfühlen kann. Sie zeichnet mit ihren vier Ich-Erzählern, die sich Kapitel für Kapitel ablösen, aber eben auch vier tiefe Charaktere, die genau das nicht sind – angepasst. Durch den ständigen Wechsel der Ich-Erzähler wird das für den Leser ein bisschen anstrengend, lesenswert ist das Buch aber dennoch.

Bewertung: drei

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