Ist der Besitz von digitalen Dingen Verzicht?

Die Digitalisierung hat machen Dinge auch wahnsinnig kompliziert gemacht. Früher hieß es: Mein Schallplatte, mein Buch … doch was auf der Schallplatte zu hören, und im Buch zu lesen war, gibt es heute digital – und wie steht es damit um die Besitzverhältnisse?

Vor einigen Wochen las ich das kleine – im wahrsten Sinne des Wortes – Buch Minimalismus von Louise Bach. Es wäre eigentlich nicht weiter erwähnenswert, hätte die Autorin nicht eine interessante Theorie aufgestellt. Dem Titel kann man entnehmen, es geht um Verzicht, allerdings nicht im Sinne von Sparen in der Not oder Selbstkasteiung, sondern um unnötigen Ballast abzuwerfen. Zu den Tipps der Autorin gehörte es auch auf CDs oder DVDs zu verzichten, man kann Musik und Filme heute ja auch streamen. Mit anderen Worten, die moderne Welt als Traum für Minimalisten, fleißig iTunes und netflix konsumieren, aber keine CD- und DVD-Stapel in der Wohnung stehen haben? Das ist zwar legitim, aber man darf die Frage stellen, wo denn bitteschön hier ein Verzicht liegt. Dem kapitalistischem Konsum wird weiter gehuldigt, man hat nur weniger zum Abstauben.

Aber ernsthaft, das ist natürlich nur ein Nebenkriegsschauplatz. In Wahrheit hat die Digitalisierung dem Wirtschaftssystem, das sie groß gemacht hat einen Bärendienst erwiesen. Zumindest wenn es um Themen wie Besitz und Eigentum geht.

Die gängige Argumentation Gewissensberuhigung von MP3-, Video- oder Softwarekopierern geht ja so: Ich dupliziere die Dateien ja nur, also wem nehme ich damit bitte schön etwas weg. Ich schade also niemanden.

Das ist natürlich hochgradiger Unsinn, zumindest solange und Wirtschafts- und Gesellschaftssystem so wie heute funktioniert. Bleiben wir einen Augenblick in der analogen, haptischen Welt. Nehmen wir an ich erfinde den Tisch – ja, rein theoretisch. Der Tisch ist das Produkt, das es zu Teilen gilt. Jetzt kann man ihn natürlich in der Mitte auseinandersägen, aber davon hat keiner etwas – außer den halben kaputten Tisch. Man kann also nicht das Ding teilen oder kopieren, aber man kann sehr wohl die Idee dahinter kopieren. Also einen eigenen Tisch bauen.

Digital betrachtet gibt es aber keinen Tisch mehr, den ich als Erfinder unabhängig der Idee noch hätte. Eine Idee, eine Geschichte, Theorie usw. ist von digitaler Gegenstandslosigkeit. Und als ihr Schöpfer habe ich nur so lange etwas von dieser Idee, wie ich sie für mich behalte. Ist sie erst einmal in der Welt, wird sie beliebig und unkontrolliert kopiert. Der Logik der Kopierer nach ist der Preis quasi null – und damit auch der Lohn der Arbeit, die ich als Schöpfer der Idee verrichtet habe.

Da stellt sich doch die Frage, warum soll ich Zeit und Geld investieren, wenn ich am Ende nur zu sehen muss, wie mir alles in Form von Bits und Bytes zwischen den Fingern davon rinnt?

Mit anderen Worte, das wird auf Dauer nicht funktionieren. Doch wie kann man das Problem angehen? Der Versuch das analoge Verständnis zu digitalisieren, also auch die digitale Kopie letztlich aus physisch zu betrachten – schließlich schweben auch Bits und Bytes nicht einfach im Raum oder können dort zumindest nicht genutzt werden – aber ist weitestgehend gescheitert. Versuche der Industrie ihren Besitzanspruch etwa durch DRM (Digital Rights Management) durchzusetzen haben am Ende nur den sportlichen Ehrgeiz von Hackern geweckt die Kopierschutzsysteme zu knacken. Technische Wege kann man diesbezüglich also ausschließen. Hilfreicher wäre eine Bewusstseinsänderung, die digitalisierte Produkte nicht als beliebig (und vor allem kostenlos) kopierbar betrachtet – aber dazu profitieren die Nutzer zu sehr – und wer verzichtet schon gern auf etwas, auf dass nicht einmal erklärte Minimalistinnen verzichten möchten?

Will man weiterhin von der Kreativität anderer profitieren, muss man dafür sorgen, dass diese von ihrer eigenen Kreativität selbst profitieren können. Also eine Art Kreativenabgabe? Aber wer soll diese bezahlen? Die Nutzer? Die Allgemeinheit? Provider? Google oder Facebook? Und wer soll sie einziehen? Wir kennen ja den Ruf der Gema und die VG Wort, na ja, manch Autoren könnten da auch ein Liedchen singen.

Oder sollten wir einfach kurzen Prozess machen und kreative Leistungen generell unter eine Art Patentschutz stellen. Klingt sinnvoll, wäre aber sowohl in der Kunst als auch der Wissenschaft der Todesstoß für jeden Versuch der Weiterentwicklung.

Ja, irgendwie war das mit der Erfindung des Tisches doch einfacher ….

Weitere Infos:

[tabs] [tab title=“DRM“] Elektronische Schutzmechanismen für digitale Informationen nennt man DRMS. Sie ermöglichen die Verwertung von digitalen Inhalten über eine reine Pauschalvergütung hinaus und erlauben zusätzlich die individuelle Lizenzierung/Abrechnung nach Häufigkeit, Dauer oder Umfang der Nutzung. Damit wird einerseits die unbegrenzte Nutzung einschränkbar, andererseits werden On-Demand-Geschäftsmodelle ermöglicht, die vorher kaum zu realisieren waren. – Quelle: de.wikipedia.org[/tab] [tab title=“Def. Eigentum“]Der Eigentümer einer Sache kann, soweit nicht das Gesetz oder Rechte Dritter entgegenstehen, mit der Sache nach Belieben verfahren und andere von jeder Einwirkung ausschließen. – §903 BGB [/tab] [tab title=“Def. Besitzer“]Der Besitz einer Sache wird durch die Erlangung der tatsächlichen Gewalt über die Sache erworben. – § 854 BGB [/tab] [/tabs]

 

About Thomas Matterne

Thomas Matterne ist Chefredakteur des dreisprachigen Online-Magazins DenkZeit und als Online-Marketing-Manager tätig. Der ausgebildete Journalist hat ein Diplom in Wirtschaftsinformatik, und schreibt an dieser Stelle über IT-, Online-Marketing- und SEO-Themen - unteranderem.

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