Hybri – Die AR wird dein Mitbewohner, Partner oder mehr?

Manchmal sieht man die Zukunft, und sie bereitet einem ein zumindest unbehagliches Gefühl. Bei Hybri ist das durchaus so der Fall.

Screenshot: Youtube Hybri

Augmented Reality ist seit sagen wir vier oder fünf Jahren der heiße Scheiß, ohne sich wirklich außerhalb der Gamerszene und einer Handvoll wirtschaftlicher Anwendungen durchgesetzt zu haben. Der Grund dafür ist realtiv simpel. Klar, jeder ist von AR erst einmal fasziniert, aber später wird im klar, wie wenig er das in seinen Alltag wirklich brauchen kann. Meine persönliche Theorie war bisher, dass vieles, was wir an AR aus Science Fiction kennen eher durch die Hintertür kommen wird, über Alexa, IoT usw., aber vielleicht geht es doch schneller.

Mit Hybri will demnächst ein StartUp per Crowdfunding Geld einsammeln, das dieses eine alltägliche Bedürfnis gefunden hat, das AR den Durchbruch bringen könnte: ein Partner, Mitbewohner, Sexpartner – nur eben virtuell.

Der Clue an der Sache, die Technik ist mehr als bezahlbar. Im Prinzip braucht es eine AR-Brille, in die dann ein modernes Android- oder IPhone-Handy eingeschoben wird, und schon kann sich jeder seinen virtuellen Partner zusammenstellen.

Die Versprechungen von Hybri sind allerdings so groß, dass ich hier und da ein wenig Zweifel anbringen möchte. Eine der – ich möchte fast sagen – gruseligsten Funktionen soll die Möglichkeit sein, den von Hybri zur Verfügung gestellten Avataren per Fotos das Aussehen echter Menschen zu geben. Das würde mich zwar meinem Date mit Jennifer Lopez einen entscheidenden Schritt näher bringen, aber ehrlich gesagt, es wäre ja nicht wirklich Jennifer Lopez. Ernsthaft, jeder, der es gruselig findet, dass jemand seine Ex-Freundin virtuell nachbaut, damit sie weiter mit ihm zusammenlebt, soll mal kurz die Hände heben. Mal abgesehen davon, dass damit einige feuchte Träume wahr werden, die feuchten Träume von Stalkern werden explodieren. Der Punkt ist allerdings, dass ich der Präsentation noch nicht wirklich traue, dies anhand eines Fotos wahrwerden zu lassen. Da ist eher der Marketingmann an der Kamera gewesen. Sicher, die Technik ist längst so weit in Videos Gesichter auszutauschen, aber dazu werden doch einige Fotos mehr benötigt, damit die KI zu werke gehen kann. Und oft genug ist das Ergebnis immer noch leicht durchschaubar.

Übrigens, damit sich das weibliche Publikum nicht ausgeschlossen fühlt, gibt es selbstverständlich auch männliche Avatare:

Screenshot: Youtube Hybri

Wie weit die KI von Hybri ist, tatsächlich einen Avatar zu schaffen, mit dem man flüssig interagieren kann, bleibt ebenfalls noch abzuwarten. Ruft man sich die Fähigkeiten von Alexa oder Cortana in Erinnerung, kann man auch hier noch Zweifel anbringen, ob man wirklich Erstnutzer dieses Angebots werden möchte.

Womit wir zur Frage kommen, wer sich so etwas anschaffen würde? Der Markt muss gigantisch sein. Es gehört zu den verdrängten Nebenwirkungen unserer modernen Gesellschaft, dass der Mensch immer mehr vereinsamt. In der öffentlichen Darstellung dominieren Paare und Familie, in der Realität wächst gerade in den urbanen Zentren der Anteil der Singlehaushalte enorm. Da aber menschlicher Kontakt zu unseren Grundbedürfnissen gehört, und jeden Abend alleine auf der Couch zu sitzen kein wirklich erstrebenswertes Lebensziel ist, dürfte die Versuchung bei vielen groß sein, sich einen virtuellen Ersatz zu schaffen. Das sich jeder seinen Traumpartner oder Traumpartnerin quasi selbst erschaffen kann, ist ein zusätzlicher Bonus. Mit den Eigenheiten eines echten Menschen auszukommen ist dann nicht mehr nötig. Belächeln wir heute noch den Japaner, der einen virtuellen Avatar heiratet, könnte ein Angebot wie Hybri die Zahl virtuelle “Beziehungen” in die Höhe schnellen lassen.

Einwände, wie zum Beispiel der Aspekt der körperlichen Nähe, kann man technisch lösen. Und sei es durch das Tragen bestimmter Anzüge, die die körperlichen Berührungen des Avatars nachempfinden lassen. Abgesehen davon weiß man aus der Virtual Reality längst, dass sich das Gehirn nur allzu leicht überrumpeln lässt. Es glaubt, was es sieht. Versuche Menschen von einem virtuellen Dach springen zu lassen, scheitern in Massen, weil die bloße Einsicht des Verstandes, das da kein Dach und kein Abgrund ist, nicht ausreicht, den “Sprung” tatsächlich zu machen.

Hybri wirft damit letztlich philosophische, zutiefst menschliche Fragen auf. Mein erster Instinkt war, die Sache mindestens ein wenig spooky zu finden. Aber selbst wenn man sich darüber einig ist, dass virtuelle Partner kein echter Ersatz für einen Menschen sind, ist es nicht doch eine Besser-als-nichts-Lösung im Kampf gegen eine zunehmende Vereinsamung? Eine solche Beziehung mag uns als nicht echt erscheinen, aber solange sie sich für den Betroffenen echt anfühlt, und damit auch psychologisch die positiven Auswirkungen hat, ist es dann nicht doch ein Option? Sind die Visionen mancher Science Fiction-Autoren von Beziehungen zwischen Mensch und einer wie auch immer repräsentierten KI ein Horrorszenario oder eine wünschenswerte Zukunftsvision? Sind jene, die wir heute noch als Freaks belächeln, auslachen oder bemitleiden, einfach nur die Vorboten einer Entwicklung, die unvermeidlich ist?

Ob Hybri tatsächlich am Anfang einer solchen Entwicklung steht, wird sich zeigen. Und ich habe den Verdacht, dass die meisten, die diesen Beitrag jetzt lesen, es noch erleben werden.

About Thomas Matterne

Thomas Matterne ist ausgebildeter Journalist mit einem Diplom in Wirtschaftsinformatik. Er arbeitete als Leiter der Online Redaktion von TV touring und als Chefredakteur von DenkZeit. Aktuell schreibt er neben dieser Seite in diversen anderen Online-Veröffentlichungen, wie z.B. das Kaffee Journal. Auf dieser Seite finden sich vor allem Themen aus den Bereichen Content- und Online-Marketing, sowie dem Feld IT allgemein.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.