Filmkritik: The Menu

Ralph Fiennes wird als gottgleicher Chefkoch von einem Escort-Girl aus dem sorgfältig geplanten Konzept gebracht.

    Wenn ich mir jemanden wünschen könnte, der The Menu kritisieren, oder zumindest seine Meinung dazu äußern sollte, dann wäre das wohl Anthony Bourdain. Mit spitzer Zunge ausgestattet, und der nötigen Fachkenntnis versehen, wäre vielleicht niemand besser gewappnet eine amüsante und dennoch treffende Kritik abzuliefern. Der US-Koch Bourdain wurde bekannt, weil er in einer Zeit, in der TV-Köche gerade zu Stars wurden, mit seinen Geständnissen eines Küchenchefs aneckte. Während ein weichgespülter Jaime Oliver zu Schwiegermutter‘s Liebling wurde, erinnerte Bourdain daran, dass Köche einen harten Job haben, der oft nur mit Alkohol und Drogen gemeistert werden kann. Bis zu seinem Tod 2018 präsentierte Anthony Bourdain fortan die etwas andere Kochshow, reiste um die Welt und wandelte immer zwischen Hot Dogs und Fusion Food. Beides wusste er zu schätzen, aber wo sein Herz aß – daran bestand nie ein Zweifel.

    Foodpornsüchtige

    The Menu beginnt mit einem unsympathischen Foodporn süchtigen Schönling (Nicholas Hoult), dem gerade der Höhepunkt seines noch jungen Lebens bevorzustehen scheint. Ein 1.250 Dollar teures Menü auf einer einsamen Insel vor der amerikanischen Küste. 1.250 Dollar pro Kopf, denn da die Tische nicht an Einzelpersonen verkauft werden, begleitet ihn das Escort-Girl Margot (Anya Taylor-Joy „Damen Gambit“). Ein Fremdkörper in der Welt der Reichen und Schönen, die ansonsten dieses exklusive Dinner genießen dürfen. Das bemerkt auch schnell der Maître, Chefkoch Julian Slowik (Ralph Fiennes), und sieht sich vor ein Problem gestellt. Die unbekannte Akteurin war in seinem Plan nicht nur nicht vorgesehen, sie ist zudem keiner der beiden Parteien dieses Schauspiels zuzuordnen. Als dieses in dem exklusiven Restaurant in Gang kommt, sieht er sich schließlich gezwungen Margot vor die Wahl zu stellen.

    Wer ohne Vorwissen in The Menu geraten ist, wird auch ohne die Szenen des Trailers schnell wissen, welches Genre hier auf die Leinwand gebracht wird. Schon die erste Führung über die Insel macht klar, hier ist kein Feinschmeckerparadies zu finden, sondern eine militärisch straff organisierte Sekte am Werk. Alles treu dem allmächtigen Herrscher untergeordnet, dem Chefkoch.

    Ralph Fiennes als gottgleicher Chefkoch

    Der Film wird getragen von Ralph Fiennes, der den Bösewicht mit sichtlichem Vergnügen spielt. Man sagt ja schließlich, nicht wenige Schauspieler würden lieber den Bösen spielen. Die Rolle des zynischen Chefs, für den die Zeiten nur noch eine traurige Erinnerung sind, in denen ihm das Bekochen seiner Gäste noch Freude gemacht hat. Sein Slowik überzeugt, sowohl in den Momenten der absoluten Kontrolle, als auch wenn ihn Margot aus dem Konzept bringt. Fiennes Konterpart Anya Taylor-Joy, dank der Netflix-Serie Damen Gambit zu Bekanntheit gelangt, schlägt sich dagegen zwar wacker, bleibt aber am Ende doch ein wenig flach. Als handelnde Personen bilden sie jedoch zusammen ein gut funktionierendes Duo, um das sich die erstaunlich simple Handlung doch recht spannend entwickelt.

    [Spoiler] Ja, die Handlung ist am Ende doch recht simpel. Das beliebte Motiv der Eliten als Zielscheibe wird bedient. Auf die traurige Spitze getrieben, als man Slowik sagen lässt, eines der Opfer müsse sterben, weil sie an der falschen Universität ohne einen Studienkredit studiert hat. Das und das Sektenmotiv, stufen The Menu von einem potentiell exzellenten Film zu einem „nur noch“ guten Film herunter. [/Spoiler]

    Regisseur Mark Mylod ist bisher eher durch TV-Comedyserien bekannt geworden. Bei seiner Arbeit an The Menu war das jedoch kein größerer Mangel. Im Gegenteil, seine Comedyarbeit kommt bei der ein oder anderen Serie zum Beispiel recht gut an. Außerdem spiegelt es sich auch in der Besetzung der Nebenrollen wider. So holte er zum Beispiel Judith Light aus der Versenkung, die ich tatsächlich seit Wer ist hier der Boss? nicht mehr gesehen habe. Die Älteren unter uns werden sich erinnern, als Tony Danza noch ein Star war und Alyssa Milano sich gerade anschickte zum Traum einer ganzen Generation Teenager zu werden. Von Danza hat man nie wieder etwas gehört, und Alyssa Milano ist als Schauspielerin heute weit weniger bekannt, als als Aktivistin für den Zeitgeist. Judith Light jedoch weiß in ihrer kleinen Rolle als betrogene Ehefrau durchaus zu überzeugen, die sich am Ende vielleicht fatalistisch in ihr Schicksal ergibt, aber mit einer ihrer letzten Gesten Margot zur Flucht antreibt.

    Und was hätte jetzt Anthony Bourdain über den Film zu sagen gehabt? Wahrscheinlich hätte The Menu ihm gefallen. Zweifellos hätte er sich über die Restaurantkritikerin Lillian Bloom (Janet McTeer) und ihrer Aussage lustig gemacht, den Ozean zu essen. Aber gegessen hätte er den Ozean vielleicht doch gerne. Am Ende hätte er aber auch mit Begeisterung in den Cheeseburger gebissen und die Freuden des Essen zu schätzen gewusst.

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