Digitalisierung: Ihr Deutschen, hört die Signale (endlich mal)

Deutschland war die erste Weltraumnation. Echt, waren wir. Gut, leider war es eine V2, deren Zweck auch nicht der Flug zum Mond war, sondern London in Angst und Schrecken zu versetzen. Also eigentlich ein blödes Beispiel dafür, dass wir mal führend bei neuen Entwicklungen waren. Aber wenn es so weiter geht, müssen wir nostalgisch bald alles aufzählen, was wir noch kriegen können.

Denn mit Deutschlands Führungsanspruch wird es demnächst vorbei sein. Wir investieren zwar kräftig, belegen nach einer Studie des BDI (welt.de Paid) sogar noch Rang 4, wenn es um Investitionen an sich geht. Aber bei dem heißen Scheiß überhaupt, der Digitalisierung belegt Deutschland einen mühsam gehaltenen 17. Platz. Und ich gehe jede Wette ein, dass wir demnächst sogar aus den Top 20 rausfallen werden.

Warum, zum Beispiel weil es selbst in Rumänien bessere Internetverbindungen gibt, als bei uns. Was man natürlich mit einem richtigen Investitionsprogramm schnell lösen könnte, aber das Problem sitzt bekanntlich leider weit tiefer.

Problem 1: Der deutsche Mittelstand

Während man andernorts inzwischen weitestgehend aufgewacht ist, glaubt der durchschnittliche Mittelständler noch immer, diese Digitalisierung sei ein Hype der wieder vorbeigeht. Man hat ja eine Internetseite, guckt alle zwei, drei Wochen ob sie online ist, und damit ist man dann ja dabei, bei diesem Internetzeugs. Die Cloud? Unsicher und kein Datenschutz! (Stimmt beides nicht, zumindest ist die Cloud nicht unsicherer als der PC des Angestellten und das Datenschutzproblem hat man in den Griff bekommen) SaaS? Abzocke! (Stimmt insofern natürlich, dass Microsoft, Adobe & Co. damit mehr Geld verdienen wollen, aber ewig wird die gekaufte Software von 201x auch nicht aktuell bleiben.) Neue Arbeitskultur? Ja, klar, aber der Fachkräftemangel liegt ja wohl daran, dass die Leute alle blöd aus der Schule kommen. (Tun sie leider wohl tatsächlich zu hauf, aber die Schlauen gehen woanders hin.) Der einstigen deutschen Innovationsfreude setzt der Mittelstand heute ein „läuft doch“ entgegen.

Problem 2: Die Politik

Ja, irgendwie nimmt ein Politiker das Wort „Digitalisierung“ schon ab und zu in den Mund, aber ein Topthema bei den Wahlen dürfte daraus nicht werden. Und dabei ist die Digitalisierung gerade dabei unsere Gesellschaft mit einer Macht umzukrempeln, die eigentlich nicht einmal mit der Erfindung der Dampfmaschine vergleichbar ist. Die deutsche Politik dagegen verschwendet auch das letzte bisschen an Energie damit, die deutsche Autoindustrie zu retten, ob wohl die sich alle Mühe gibt vorzeitig Selbstmord zu begehen, ehe die Disruption sie ausradiert. Statt sich die Frage zu stellen was mit all den Beschäftigten der Autoindustrie werden soll, lässt man sie lieber sehenden Augens gegen die Wand fahren.

Problem 3: Der Staat

Hier und da gibt es in deutschen Städten kleine Modelprojekte in Sachen Startup-Förderung, aber auch die Startups dort stehen irgendwann vor einem Verwaltungsbeamten, der zwar Verordnungen und Gesetze lesen kann, aber na ja, nix anderes eben. Startups stoßen heute auf einen Apparat an Verwaltung und Regelungen, die zum großen Teil für die gute alte Bundesrepublik gemacht wurden. Damals, als Computer noch was für Nerds waren und man mit Tipp-Ex echt gutes Geld verdienen konnte.

Problem 4: Das Bildungssystem

Das deutsche Bildungssystem ist derart damit beschäftigt auch ja kein Kind aus der Unterschicht sein Abitur ablegen zu lassen, das es gar nicht auf die Idee kommt sich reformieren zu lassen. Statt Leistung zählt der soziale Status der Eltern. Und wer die Schule hinter sich gebracht hat, kommt an eine ihrer ursprünglichen Bedeutung entrissenen Universität, die derart nach Wünschen der Wirtschaft ausgerichtet wurde, dass die inzwischen selbst sagt, dass das alles so nicht funktioniert.

Jetzt ist in der Digitalisierung nicht alles Gold was glänzt. Im Gegenteil, wenn wir die digitale Zukunft nicht gestalten, sondern die anderen einfach machen lassen, dann wird das ganze ziemliche Scheiße. Und ich rede nicht von der Hinterlassenschaft eines Dackels, sondern von dem was hinten aus einem Brontosaurus rauskommt. Doch um zu gestalten muss man sich a) des Problems überhaupt bewusst sein und b) soweit vorn mit dabei sein, um effektiv Änderungen durchsetzen zu können. Keines von beiden ist derzeit in Deutschland der Fall.

Uns fehlt der Mut!

Deutschland hat seine Innovationsfähigkeit verloren, weil uns der Mut abhanden gekommen ist. Der Spatz in der Hand, hat den Adler als deutsches Wappentier verdrängt. Die einzigen, die noch „Mut“ in den Mund nehmen sind die Deppen von der AfD, und profitieren damit lediglich am meisten von der Angst vor Neuem. Innovation bedeutet aber eben immer auch das Risiko des Scheiterns, eine gute Idee alleine reicht nicht. Schlimmer noch, auch wer eine gute Idee zum richtigen Zeitpunkt hat, hat keinerlei Garantie damit auch Erfolg zu haben. Allerdings sorgen die Rahmenbedingungen derzeit eben vor allem dafür, dass er auch wesentlich schlechtere Chancen hat, als anderswo. Die wenigen großen Erfolge der Anfangszeit gingen in Deutschland mehr oder weniger auf das Kopieren amerikanischer Konzepte zurück, XING ist das einzige Angebot, dass mit diese Taktik aber langfristig Erfolg hatte. Der Rest wurde, wenn er Glück hatte, vom Original gekauft, in der Regel aber verdrängt. Aber auch diese Taktik ist heute vorbei, damit gewinnt man in der weltweiten Vernetzung heute keinen Blumentopf mehr.

Wir haben vergessen neu zu denken. Und das wird sich gleich zwei Mal bitter rächen. Zum einen, in dem wir bei den neuen Entwicklungen nicht mit dabei sind, zum anderen weil wir auf deren negative Auswirkungen keine neuen gesellschaftlichen Antworten haben. Der Großteil kann ja nicht nur nicht mehr neu denken, er versteht die aktuelle Entwicklung nicht einmal. Die Folge wird nicht nur der Untergang der Autoindustrie sein, oder eine Pleitewelle im deutschen Mittelstand, auch der Handwerker um die Ecke wird mangels regionalem Monopol bald zum Billigarbeiter einer – aus dem Ausland gesteuerten – Plattform werden.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.