Digitaler Umbruch: Braucht es heute (wieder?) Visionen?

Es gab einmal eine Zeit, da habe ich mich in Sachen „Visionen“ an den guten Helmut Schmidt gehalten. „Wer Visionen hat, der sollte zum Arzt gehen.“ Doch heute bin ich mir da nicht mehr so sicher.

Vision, dass klingt auch ein bisschen hochtrabend, oder? Braucht ein Unternehmen heute wirklich ein Vision, um voran zu schreiten? Aber auch wenn wir das Wort „Mission“ nehmen, das wir aus dem amerikanischen Businessslang ja als „Vision“ übersetzen, wird es nicht besser. Beides klingt religiös, und in der deutschen Mainstreamöffentlichkeit deshalb allein schon hochverdächtig. Aber auf der anderen Seite, wie soll man es sonst nennen? Klare Linie? Vorgabe? Planziel? Das klingt im besten Falle typisch deutsch, aber eigentlich ziemlich sozialistisch. Und es ignoriert völlig die Tatsache, dass die Digitale Transformation eben auch die Unternehmenskultur selbst fundamental ändert.

Wer mit Begriffen wie „Vorgabe“ usw. handelt, steckt noch in der alten Denke fest, dass der Mensch ja schließlich von seinem Wesen aus arbeiten wolle und wenn nicht, dann braucht er zumindest das Geld. Heute tritt aber mehr und mehr zu Tage, dass der Schluss „Der Mensch will arbeiten“ so nicht ganz korrekt ist. Ja, der Mensch will arbeiten, aber der Trugschluss liegt einfach darin, Arbeit als einen Gegenwert zum Gehalt zu sehen. Oder um es politisch auszudrücken: Könnten wir Karl Marx bitte endlich einmotten, der Marxismus dürfte hinreichend widerlegt sein und es nützt auch nichts ihn teilweise als kapitalistische Argumentation zu verwenden. Was der Mensch tatsächlich braucht, ist eine sinnvolle Beschäftigung. Betrachtet er seine Beschäftigung als sinnlos, kann Geld das bis zu einem gewissen Grad ausgleichen. Aber a) ist irgendwann Schluss, b) bringt jemand der nur für den monatlichen Gehaltsscheck arbeitet in den seltensten Fällen 100%, schon gar nicht mehr, er leistet so viel, wie er unbedingt leisten muss.

Unter diesem Gesichtspunkt ist der Begriff „Vision“ dann vielleicht doch nicht zu hochgegriffen, schließlich dient er auch dazu den Mitarbeitern etwas für ihre Sinnsuche zu bieten. Wer es schafft eine gemeinsame Vision zu entwickeln, wird statt Mitarbeitern Mitstreiter finden. Wer ein bloßes Ziel vorgibt, bekommt Sachbearbeiter, die zufrieden mit sich selbst die Arbeit einstellen, wenn das Ziel erreicht ist. Das aber wird bald nur noch geradeso zum Überleben des Unternehmens reichen.

Freilich ist es aber natürlich leichter ein einfaches Ziel zu formulieren. Gewinnsteigerung um xy %. X neue Kunden. Bla bla bla. So was kann man sich schnell zusammenkopieren, und genauso wirkt es dann auch, wenig motivierend. Klar, das ist besser als nichts … Und zugegeben, auch eine Vision kann man am Ende des Tages irgendwie quantifizieren, und sei es der Anspruch Weltmarktführer zu werden oder dafür zu sorgen das alle Menschen auf der Welt ihre private Webseite bauen können. Aber der Unterschied dürfte schon deutlich werden, oder?

About Thomas Matterne

Thomas Matterne ist Chefredakteur des dreisprachigen Online-Magazins DenkZeit und als Online-Marketing-Manager tätig. Der ausgebildete Journalist hat ein Diplom in Wirtschaftsinformatik, und schreibt an dieser Stelle über IT-, Online-Marketing- und SEO-Themen - unteranderem.

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