Digitale Transformation – Warum die deutsche Autoindustrie untergeht

Es gab einmal eine Zeit, da haben die führenden Köpfe der deutschen Autoindustrie die Transformation verstanden. Das war die Zeit von
Carl Friedrich Benz oder Rudolf Diesel.

Wenn man sich die großspurigen Ankündigungen der deutschen Autoindustrie in Sachen E-Auto anhört, könnte man meinen, der Groschen sei endlich gefallen. Denn während ihre Lobbyisten, allen voran Verkehrsminister Andreas Scheuer am Diesel und Benziner festhalten, als hinge ihr Leben daran, versuchen deutsche Ingenieure den selbstverschuldeten Rückstand aufzuholen. (Wobei es wahrscheinlich weniger an den Ingenieuren, als an den Autokonzernlenkern gelegen haben dürfte.)

Allein, mir fehlt der Glaube, dass Deutschlands ehemalige (und das ist sie letztlich schon sein einigen Jahren) Vorzeigeindustrie tatsächlich begriffen hat, wie sehr die Digitale Transformation ihr Geschäftsfeld vom Kopf auf die Füße stellt. Wer Elektroautos baut, ist nämlich ebensowenig bei der Digitalen Transformation dabei, wie jener, der glaubt Deutschland könne seinen Rückstand aufholen, indem jeder Kuhstall endlich eine schnelle Internetverbindung bekommt. Der Kern der Sache ist aber nicht das schnelle Internet, sondern, was damit gemacht wird – oder um es markwirtschaftlich auszudrücken, welches Bedürfnis damit befriedigt wird.

Nicht umsonst fällt im Zusammenhang mit der Digitalen Transformation oft das Wort Kapitalismus. Im Grunde ist es also nicht fern einer gewissen Ironie, dass jene, die jetzt am lautesten danach schreien die deutsche Autoindustrie nicht so zu bashen, in der Regel Vertreter des freien ungebremsten Marktes sind. Was sie dabei nicht sehen, ist die peinliche Tatsache, dass die Autoindustrie nur deshalb in einer Krise steckt, weil sie sich nicht mehr die Frage gestellt hat, die sich jeder Anbieter tagtäglich stellen sollte: Wie befriedige ich die Bedürfnisse meiner Kunden?

Benz, Daimler, Diesel, Otto und wie sie alle hießen, hatten sich diese Frage gestellt. Die Menschen brauchten ein Verkehrsmittel, das sie zuverlässig von A nach B brachte, ohne dabei auf Schienen angewiesen zu sein. Ihre Antwort war das Auto. Die Antwort der Chefs von VW, Mercedes oder BMW hätte hingegen wohl eher gelautet: Wir brauchen mehr und schneller Pferde. Denn genau das ist der Fehler, der spätestens seit der Jahrtausendwende den Untergang der deutschen Autoindustrie einleitet. Deutsche Autos sind unbestritten ein Wunderwerk der Technik, die Motoren das Beste was es auf dem Markt gibt. Seit mehr als 100 Jahren optimieren deutsche Ingenieure das Automobil und werden dabei immer besser. Allein … allein, die Zielgruppe, die sie damit ansprechen wird immer kleiner und wird sich irgendwann auf Maschinenfreaks und alten Männern beschränken. Also jenen, die nicht zuverlässig von A nach B wollen, sondern den Geruch von Motorenöl liebgewohnnen haben. Der Rest der Autofahrer möchte im Sinne der Nutzenmaximierung und Kostenreduktion, eine günstige Möglichkeit mobil zu sein.

Für die Autoindustrie wurde das zu einem Problem, weil ein E-Auto, anders als man meinen mag, im Vergleich zum klassischen Auto geradezu Low-Tech ist. Na ja, vielleicht nicht Low-Tech, aber doch um vieles leichter zu bauen. Gleich was man etwa über Elon Musk und Tesla denken mag, eines hat Musk unter Beweis gestellt, die Markteintrittsschranken ein Automobilproduzent zu werden, sind soweit gesunken, dass neue Marktteilnehmer sich im Vergleich zu vorher geradezu rassant etablieren können. Eine moderne E-Autofabrik benötigt weniger Produktionsmaterial und Arbeitskräfte, letzteres schreckt natürlich Politik und Gewerkschaften, und lässt sie umso brutaler für den Erhalt des Status Quo eintreten. Freilich wird der einzige Effekt sein, das bald wesentlich mehr Arbeiter weit schneller und weit weniger vorbereitet ihre Jobs verlieren werden. (Mit Glück sind dann aber schon andere Politiker und Gewerkschaftsfunktionäre an der Macht, um sich damit auseinanderzusetzen.)

Eine Transformation zu verpennen, und dennoch durch Marktmacht und Finanzen am Ende wieder vorn mitzuspielen, ist möglich. Microsoft hat das beeindruckend unter Beweis gestellt, nachdem Bill Gates einst äußerte, dass im Internet wenig Zukunft stecken würde. Was Microsoft aber von deutschen Autofirmen unterscheidet, ist eben der gefallene Groschen. Unter Satya Nadella hat Microsoft aufgehört viel Geld in Projekte zu stecken, die bereits vorhandene Produkte zur Bedürfnisbefriedigung kopieren, sondern seine Unternehmenskultur radikal verändert und angefangen selbst kreativ zu werden. Altmodisch und philosophisch könnte man sagen, die Manager von Microsoft hatten den Mut sich ihres Verstandes zu bedienen, während die Manager von BMW oder VW jetzt halt versuchen die Innovationen der Vorreiter nachzubauen.

Das ist kein besonders vielversprechender Weg, bedenkt man, dass es vielleicht nicht die beste Antwort auf die Bedürfnisse der Kunden sein könnte. Wer sagt zum Beispiel, dass ich, um zuverlässig von A nach B zu kommen ein eigenes Auto brauche? Wäre es nicht praktischer, ein E-Auto, am besten selbstfahrend, vor die Haustür zu ordern, wenn ich es brauche? Und schon wäre die deutsche Autoindustrie nur noch ein verarbeitender Betrieb, der für die wirklich produktiven Geschäftsideen das zusammengebaute Material liefert. Mercedes Benz wäre nicht mehr an der Spitze der Nahrungskette, sondern würde am eigenen Leib den Druck spüren, den es heute auf seine Zulieferer ausübt, um etwa Kosten zu senken.

Und irgendetwas sagt mir, dass es keine deutschen Unternehmen sind, die dann das Geld verdienen … nur so ein Verdacht.

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