Der digitale Arbeitsplatz besteht aus mehr als einem Computer

Das Deutschland bei der digitalen Revolution nicht gerade eine Führungsrolle übernimmt ist eine Binsenweisheit. Das Problem ist aber weniger, dass selbst Rumänien ein besseres Internet hat. Das Problem steckt in den Köpfen der Entscheider.

So manche Führungskraft begegnet der Frage, ob seine Mitarbeiter einen digitalen Arbeitsplatz hätten regelrecht mit Unverständnis. Was für eine blöde Frage, als ob man heute ohne Computer wirklich arbeiten könnte. Es ist also kein Wunder, das man in Deutschland auch hier hinterherhinkt – oder wie üblich das Problem noch nicht einmal versteht.

„Eine Vielzahl an neuen Technologien hat in den letzten Jahren einen umfassenden Wandel der Arbeitsplätze in Deutschland angestoßen. Die meisten Unternehmen – darunter auch die großen – wissen allerdings noch nicht, wie sie die neuen technologischen Möglichkeiten zu ihrem Vorteil nutzen können”, stellt Andreas Weingarten fest, General-Manager Sales von Dimension Data in Deutschland. – Quelle: t3n

Man befindet sich zwar in einer digitalen Welt, das Subsystem Arbeitsplatz hat sich aber seit zehn Jahren kaum verändert. (Und die immer noch vorhandene Verbreitung von Windows XP legt nahe, dass man das durchaus auch wortwörtlich nehmen kann.) 60 % der Unternehmen haben nach einer Studie von Dimension Data noch immer nicht einmal einen Plan wie man das ändern könnte.

Manche setzen zumindest auf Stückwerk und modernisieren sich mal hier, mal da. Andere halten sich dagegen von Dingen wie der Cloud, SaaS oder gar die sich im Entstehen befindliche Künstliche Intelligenz beinahe bewusst fern. Dabei sind all diese Felder inzwischen durchaus schon marktreif, von der KI vielleicht mal abgesehen. Und auch das deutsche Scheinargument des Datenschutzes gilt nicht mehr, spätestens seit Microsoft seinen deutschen Kunden eine deutsche Cloud bietet. Statt auf das gängige, stets auf dem neuesten Stand befindliche Abo zu setzen, ziehen sie es vor ihre Mitarbeiter mit tagtäglich ein wenig älter und rückständig werdenden Office-Produkten zu versorgen. Das hat ein wenig was von Zeitkapseln, die man in der Erde vergräbt um zukünftigen Generationen zu zeigen wie das Leben damals war. Nun kommt beileibe nicht mit jedem Update eine neue Innovation, aber es ist nur eine Frage der Zeit, bis ein Feature Usus wird, das man nicht hat, oder ein Kunde eine Datei schickt, die man nicht mal mehr öffnen kann oder der ein entscheidender Teil in der Darstellung fehlt. Dann ist man plötzlich dankbar, wenn ein Mitarbeiter sagt, dass er es zuhause macht, wo die Softwareausstattung aufgrund der durch das Abomodell entstandenen Erschwinglichkeit früher unbezahlbarer Software, die Ausstattung schon jetzt nicht selten moderner ist. Ob man mit dieser Möglichkeit jedoch die Creme della Creme der Fachkräfte an sich binden kann? Eher nicht.

Ein Grund mag auch sein, dass der digitale Arbeitsplatz auch mehr ist als Hard- oder Software, sondern auch die Organisation der Arbeitswelt an sich grundlegend verändert. Denn die Zeiten in denen der Chef noch Argumente hatte, um sich gegen Home Office, oder andere Arbeitsmethoden die dem Mitarbeiter mehr Freiheit und Selbstbestimmung bringen, auszusprechen, gehören mit der Digitalisierung endgültig der Vergangenheit an. Nahm in den Urzeiten die digitale Boheme für sich in Anspruch im Lieblingscafé arbeiten zu können, kann das dann jeder. Den damit einhergehenden Kontrollverlust akzeptieren manche Führungskräfte dagegen lieber noch nicht. Nachdem Jahre lang der Datenschutz als Pseudoargument vorgeschoben wurde, wird jetzt immer offensichtlicher, dass die Entscheider in großen, wie in kleinen Unternehmen sich in Wahrheit gegen einen Kulturwandel in der Arbeitswelt stemmen, an dessen Ende sie nicht nur den Kontrollverlust fürchten, sondern natürlich auch ihre eigene Bedeutung. Denn ein autark arbeitender Mitarbeiter benötigt sie eben nicht mehr in dem Ausmaße wie heute. Nun tut er das heute natürlich auch nicht, aber man kann zumindest so tun, in dem man sprichwörtlich über Schultern blickt. Das dadurch Potential und Leistung verloren geht, schon heute ist klar, dass Mitarbeiter im Home Office wesentliche effektiver sind, als im Büro, ist die Kehrseite. Nicht wenige werden sich noch eine ganze Weile fragen, warum die am besten qualifizierten Mitarbeiter sich irgendwann abwerben lassen und der Nachwuchs lieber gleich woanders hingeht. Einige werden daran sicher auch zugrunde gehen. Aber wenn ich ehrlich bin, diese Entwicklung ist inzwischen so offensichtlich, dass es einem schwerfällt jenen nicht ein „gehört sich auch so“ hinterher zurufen.

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