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Buchkritik: „Junktown“ von Matthias Oden

Wer in der Science Fiction-Literatur mit der von ihm gezeichneten Dystopie noch herausstechen will, der muss sich heute schon etwas einfallen lassen. Im Grunde haben wir entweder schon alle Schreckensvisionen durch oder gar den Eindruck, sie seien längst eingetreten. Was also tun?

Die Idee von Matthias Oden ist zwar nicht sensationell neu, sie ist aber geradezu gnadenlos zu Ende gedacht. In seiner düsteren Zukunftsvision hat eine Konsumrevolution die Welt, wie wir sie bisher kannten, komplett auf den Kopf gestellt. Wobei man schon nach wenigen Kapiteln Konsum weniger mit hemmungslosen Einkaufstouren in Verbindung bringt, sondern mit Drogenkonsum. Denn während in unseren Tagen Kiffer davon träumen ihr Cannabis endlich legal am Kiosk kaufen zu können, ist in Junktown Drogenkonsum oberste Bürgerpflicht. Nur das der staatlich verordnete Drogenkonsum letztlich natürlich nicht dem Rausch der Bürger dient, sondern ihrer Kontrolle – in Oden’s Zukunftsvision lässt sich Staatstreue anhand in einem Becher gepinkelten Urins überprüfen.

Und noch in einem anderen Punkt ist der Roman Junktown wenig vielversprechend, zumindest wenn man es nicht für ein Problem hält, dass der Staat Menschen anhand von Zuchtreihen in riesigen Gebärmaschinen produziert. Maschinen, die zum einen Beziehungen mit Menschen eingehen, zum anderen in einer Welt auf Drogen natürlich unverzichtbar sind, um das öffentliche Leben zumindest in seinen Grundzügen aufrechtzuerhalten. Kein Wunder also, dass es mit der Gemapo eine eigene Polizeieinheit gibt, die sich nur den Verbrechen an Maschinen widmet. (Gemapo, kling wie Gestapo? Oden’s Buch ist voll von Anspielungen auf nationalsozialistische und kommunistische Diktaturen.)

Den Mord an eben einer jener Gebärmaschinen hat Inspektor Solomon Cain aufzuklären. Ein Revolutionär der ersten Stunde, der aber längst in die innerliche Opposition abgeglitten ist. Den lebenslangen Drogenkonsum hat Cain überstanden, auch mit Mitte 50 hat er noch das beste Rating. Das sich seine Frau aber für die Partei den „goldenen Schuss“ gegeben hat, hat ihn endgültig gebrochen. Er lebt nur noch für seine Arbeit, praktisch von Fall zu Fall – doch dieser ist von Beginn an zu einfach. Es wäre so einfach gewesen den Mord an Gebärmaschine BM 17 als Eifersuchtstat abzuschließen und im Aktenarchiv verschwinden zu lassen. Cain aber ist das zu einfach, und er beginnt weiter zu graben, trifft eine mysteriöse Frau und stößt plötzlich auf das zentrale Mittel der Unterdrückung – jener Behörde, der er selbst Jahre lang gedient hat.

Die Freiheit keine Wahl zu haben

Revolutionen gehen scheinbar weit häufiger schief, als dass sie wirklich gelingen würden. Und so endet in Junktown die Legalisierung von Drogen nicht damit, dass jetzt jeder sich einwerfen oder spritzen kann was er möchte, nein, er muss einen gewissen Pegel erreichen. In jeder verdammten Revolution geht es um die Freiheit, und seinen wir ehrlich, es ist die Freiheit, die auch als erstes dran glauben muss. Und wenn die Lage am Ende schlimmer ist, also zuvor – wen könnte das wirklich noch überraschen. Die Idealisten von einst korrumpieren zu den Mächtigen von heute – oder sie werden zu einem Solomon Cain. Einem Rädchen in einem System, an das sie noch weniger glauben, als sie sich selbst eingestehen wollen, aber zu dessen Funktion sie weiterhin beitragen.

„Ich nehme nicht an, dass Sie mich hierher bestellt haben, um mir etwas über Ihre Liebe für den Abend zu erzählen.“, sagte er.

Wieder lächelte sie. „Aber wäre das nicht der bessere Anlass? Sie könnten mir dann von Ihren Bonbons abgeben, und wir würden zusehen, wie der Tag stirbt.“ Sie wurde ernst. „Die meisten Tage haben es verdient zu sterben, finde ich. Was meinen Sie Solomon Cain?“

aus Junktown von Matthias Oden

Es ist die Zeichnung seiner Figuren, die Matthias Oden in seinem Erstling besonders gut gelingt. Allen voran natürlich Solomon Cain, aus dessen Perspektive die düstere Geschichte erzählt wird. Da kann man schon darüber hinweg sehen, dass ihm das bei der Szenerie um die Handlung herum nicht ganz gelingt. Mag man die im Tonfall eines Beamten gehaltenen Erklärungen wann wer wie viele Drogen nehmen und welches Rating er dennoch erhalten muss, um nicht auf dem Recyclinghof zu landen, hat die Schilderung sonst oft viele Elemente, die einen die Augenbraue nach oben ziehen lassen.

Dem Gesamteindruck schadet das ein wenig, lässt einem aber nicht von der Lektüre von Junktown abraten. Es ist vielleicht kein Buch, das man 2017 unbedingt gelesen haben muss, es kann aber auch nicht schaden.

Science Fiction, die philosophischste Literaturgattung

oder: Dunkle Materie von Carolyn Ives Gilmann

Bekanntlich ist es mit dem fließenden Übergang von E- zu U-Literatur gerade in Deutschland noch immer nicht weit her. Fanatisch, bis zum letzten Buchstaben kämpfend wehren sich die Anhänger der E-Literatur auch nur im gleichen Atemzug genannt zu werden, mit dem, was sie nicht mal mit Handschuhen anfassen würden und was in ihre heiligen Bücherschränke aus Elfenbein nicht mal mit Hilfe von Todesdrohungen gelangen würde. Der Verlust liegt auf ihrer Seite! (Ebenso übrigens, wie der Verlust auf Seiten jener liegt, die Klassiker für elendlangweilige alte Bücherschinken halten, und glauben, es würde gegen die UN Menschenrechts Konvention verstoßen im Deutschunterricht gezwungen zu werden Effie Briest oder Den Zauberlehrling zu lesen.)

Zu der von den Anhängern der E-Literatur vielleicht am geringschätzigsten behandelten Gattung gehört wahrscheinlich die Science Fiction-Literatur, dabei liefert gerade sie mitunter die philosophischsten Betrachtungen der Gegenwart. Denn im Gegensatz zu ihren in der Zukunft liegenden Handlungen, ist es gerade Science Fiction, der die dringlichsten Probleme der Gegenwart aufgreift (in dem er sie weiter denkt). Der geniale Philip K. Dick ist mit seinen teils nur in Groschenheften erschienen Geschichten ein Paradebeispiel für diese Sorte Autoren.

Ob die gelernte Historikerin Carolyn Ives Gilman einst den Rang eines Philip K. Dick erreichen wird, lassen wir mal dahingestellt, aber mit ihrem Roman Dunkle Materie hat sie ein Buch vorgelegt, das sich gewissermaßen vor philosophischen Gedanken nicht mehr retten kann. Da wäre natürlich die dem Genre naheliegende Frage, welchen Einfluss die Entdecker einer neuen Zivilisation auf eben diese unberührte Gemeinschaft nehmen darf. Die dazu erlassenen Regeln sind, ob schon die Gesellschaft nicht von Regierungen, sondern wenigen Konzernen gelenkt wird, erstaunlich streng. Denn auch wenn man weiß, dass schon der geringste Kontakt große Auswirkungen haben kann, geht man doch nach dem Motto vor so wenig wie möglich Einfluss auf „die anderen“ zu nehmen. Im Gegenteil, man will die fremde Zivilisation gerade deshalb so unberührt lassen, weil man von ihr lernen will. Und wer lernt schließlich von einer fremden Zivilisation, der er durch seinen Einfluss praktisch nach dem eigenen Bilde gebildet hat?

Weit interessanter ist aber die Frage inwiefern das Sehen unserer Welt diese Welt beeinflusst, die sich stellt, als die beiden Protagonistinnen der Geschichte auf eine Zivilisation treffen, die über Generationen hinweg in der Dunkelheit gelebt hat und so ihren Sehsinn verlor. Die Bewohner von Torobe haben dagegen gelernt auf andere Art zu sehen, sie fühlen, hören und riechen, so bewegen sie sich in vollkommener Dunkelheit fort, ohne sehen zu müssen. Für einen sehenden Menschen ist das Überleben dort ähnlich schwer, wie für ein junges Mädchen, das auf das Raumschiff der Fremden gerät und sich plötzlich in einer Welt voller „Kisten“ wiederfindet, als die sie unsere mit Wänden versehene Welt erfährt. (Während in der Dunkelheit, die sich zudem vor dem Wetter geschützt in einem großen Höhlensystem befindet, naturgemäß eher unpraktisch sind, besteht doch die ständige Gefahr gegen sie zu laufen.)

Immerhin gehen wir seit Platons Höhlengleichnis davon aus, dass die Dinge auch grundlegend anders sein können, als das Bild, das wir uns mit unseren Augen von ihnen machen. Und auch die Wissenschaft hat inzwischen festgestellt, dass unser Gehirn vorwiegend damit beschäftigt ist der Reizüberflutung Herr zu werden und so viel davon auszusortieren, dass wir das was wir am Ende sehen auch begreifen können – halbwegs begreifen, möchte man hinzufügen. Kurzum, wir machen uns tatsächlich unser eigenes Bild von der Welt. Aber weder muss dieses Bild tatsächlich der Wahrheit entsprechen, noch können wir wirklich sicher sein, ob es mit jenem Bild übereinstimmt, das die Person neben uns im selben Augenblick wahrnimmt. Und wie „wahr“ kann unser Bild selbst von einem Baum sein, wenn wir doch eigentlich wissen, dass selbst die Farbe eines Blattes eigentlich erst in unserem Hirn entsteht und manch Tiere das selbe Blatt vollkommen anders wahrnimmt?

Unter uns, wahrscheinlich ist es für den Alltag gar nicht so schlecht, dass wir uns dieser Umstände nicht in jeder Minute bewusst sind. Man würde ja ganz verrückt werden, wenn man in den blauen Himmel hinaufsieht und sich fragt, wie er wohl in Wirklichkeit aussieht. Wahrscheinlich genauso verrückt, wie wenn unser Gehirn dankenswerterweise nicht hauptsächlich damit beschäftigt wäre uns die reale Welt zu vereinfachen.

Dark Side – Ein kapitalistischer Androide läuft Amok

Was kann sich der Mensch nicht alles vorstellen, was sich auf der dunklen Seite des Mondes befindet. Sogar Weltraumstationen der Nazis sollen angeblich dort ihr Versteck gefunden haben. Dabei ist die dunkle Seite des Mondes nicht mal dunkel, sondern hat genauso Tag und Nacht wie auf der Erde. Die Eigenrotation von Erde und Mond hat sich nur im Laufe der Zeit so gut angepasst, dass uns der Mond immer die gleiche Seite zuwendet. Die dunkle Seite ist also nicht dunkel, wir konnten sie bloß bis zur Erfindung der Raumfahrt nicht sehen.

Copernicus dall'Apollo 17.png
Gemeinfrei, Link

Natürlich verführt allein der Begriff „die dunkle Seite“ dennoch zu einigen Geschichten, wie auch in Anthony O’Neill’s Dark Side. Dort erbaut der zwielichtige Milliardär Fletcher Brass seine eigene kleine Stadt auf: Purgatory – Fegefeuer Und lockt mit dem Versprechen kein Auslieferungsabkommen zu haben – und mit stillschweigender Duldung der Erdregierungen – so manch ebenso zwielichtige Gestalt in sein Fegefeuer. Da aber jede große Ansiedlung nur existieren kann, wenn die öffentliche Ordnung aufrecht erhalten wird. Gibt es selbst dort eine Polizei, schließlich will man zum Beispiel die Zahl ermordeter Touristen in Grenzen halten. Ist Purgatory doch auch eine Art Las Vegas, nur mit weit weniger Regeln. Und da kommt Damien Justus ins Spiel. Ein Polizist aus eben jenem Las Vegas, auf der Flucht, aber eher vor Verbrechern, als das er selbst eines begangen hätte. Auf dem Mond will er sich ein neues Leben aufbauen, muss aber schnell merken das es zwar Leute gibt, die an einem besseren Purgatory arbeiten wollen, die Stadt auf der dunklen Seite des Mondes in erster Linie aber noch immer ist, was sie verspricht: ein korrupter Sündenpfuhl

Und während Justus versucht den Mord an einem der engsten Mitarbeiter von Fletcher Brass aufzuklären, macht sich ein Androide auf dem Weg nach Purgatory. Eine gepflegte Erscheinung, die durch den Mondstaub wandert und einen blutigen Roadmovie hinter sich lässt. Denn wer ihm auf dem Weg nach Oz, für das er Purgatory hält, nicht helfen will, wird kurzerhand abgeschaltet. Ob es sich jetzt um einen auf den Mond verbannten Massenmörder handelt, oder eine religiöse Sekte. Der Androide kennt viele Regeln, aber „du sollst nicht töten“ ist nicht darunter – ganz im Gegenteil.

Anthony O’Neill legt ein gut recherchiertes Buch über das Leben auf dem Mond vor, konzentriert sich jedoch bei aller Erklärung vor allem auf seine Charaktere. Ohne dabei zu langweilen oder die Spannung zu strecken widmet er selbst den kurz auftretenden Nebencharakteren viel Aufmerksamkeit. Man könnte fast vermuten, je ausführlicher er jemanden vorstellt, desto sicherer wird der Androide diese Figur umbringen.

Die Story hat ein oder zwei Schwächen, wenn Justus etwa ohne wirkliche Begründung schon zu Anfang auf die Rolle der Androiden aufmerksam wird und ihnen eine durch Handlung eigentlich nicht gerechtfertigte Aufmerksamkeit schenkt. Und natürlich ist das Ende an sich recht vorhersehbar, selbst die kleine als Überraschung erdachte Wende am Schluss kann nicht wirklich überraschen.

Letztlich ist Dark Side aber ein rasant und spannend geschriebenes Stück Science Fiction, das wie jeder gute Vertreter seiner Art im Zentrum eine Frage stellt, die für unsere Gegenwart mehr als bedeutend ist: Was passiert, wenn wir den Kapitalismus schalten und walten lassen wie er will. In der Zukunft werden mordende Roboter deshalb über den Mond streifen.

Buchkritik: „Ego“, Frank Schirrmacher

Als mir der Homo oeconomicus zum ersten Mal begegnet ist, war er nicht mehr als eine Theorie. Er wurde mir von meinen VWL-Professoren als ein Konstrukt vorgestellt, das eine extreme Vereinfachung des Menschen darstellte, um mit dem Menschen rechnen und Vorhersagen treffen zu können. Ein paar Jahre später betonte ein weiterer VWLer diese Vereinfachung schon nicht mehr wirklich und folgt man dem 2014 verstorbenen Frank Schirrmacher, dann ist diese Entwicklung inzwischen noch weiter fortgeschritten.

Nummer 2, beginnt Schirrmacher den Homo ooeconomicus in seinem Buch Ego – Das Spiel des Lebens zu nennen, um diese Weiterentwicklung zu kennzeichnen. Ein zweites Ich sozusagen, das jedem Menschen eigen ist und mehr und mehr die Kontrolle über Nummer 1 gewinnt. Nicht etwa, weil Nummer 2 etwas anderes wäre, als ein vereinfachtes Abbild, sondern weil er längst für bare Münze genommen wird.

Dabei zielt der Autor weniger auf die Ökonomen ab, unter denen es noch viele gibt, die sehr wohl wissen was der Homo oeconomicus wirklich ist, als auf die Mathematiker, Physiker und nicht zuletzt Informatiker, denen Nummer 2 ans Herz gewachsen ist. Denn Nummer 2 vereinfacht ihnen das Leben, weil er absolut rational denkt und keine unprogrammierbaren Fehler hat wie Widersprüche oder spontane Emotionen. Der Mensch lässt sich nicht in einen Algorithmus übersetzen, Nummer 2 aber sehr wohl.

Wie sich aber Nummer 2 entscheidet, dazu geht Schirrmacher noch weiter in die Vergangenheit zurück und landet bei den Erfindern der Spieltheorie. Bei Wissenschaftlern wie der durch Hollywood verklärten John F. Nash, dessen Nash-Gleichgewicht noch heute ein grundlegender Bestandteil zum Beispiel des reinen Computerhandels an der Börse ist. Nash predigt darin den Egoismus, daher auch der Titel des Buches, wider besseren Wissens. Als Schande seiner Zunft legte er das Ergebnis fest, und als seine Theorie in verschiedenen Szenarien mit Sekretärinnen seines Insituts durchspielen lies, schob er die widersprüchlichen Ergebnisse auf die Tatsache, man hätte Frauen als Testobjekte genutzt. Seine falschen Annahmen aber prägen die entmenschlichte Wirtschaftstheorie aber noch heute.

Doch nicht nur das treibt Schirrmacher um. Weit mehr ist er über die Entwicklung besorgt, dass sich der Mensch früher oder später an die Algorithmen anpasst, statt die Algorithmen an den Menschen. Das Nummer 2 also irgendwann nicht nur das eigentliche Ich führt, sondern es auslöscht. Das wir also am Ende genauso entscheiden wie die Rechner im automatisierten Börsenhandel. Ausgehend von einer absolut rationalen Position, die allein den eigenen Egoismus im Blick hat und davon ausgeht, dass das Gegenüber die gleichen egoistischen Motive hat. Keine schöne neue Welt.

Ego – Das Spiel des Lebens wird meiner Ansicht nach eines jener wegweisenden Bücher sein, die später einmal herangezogen werden, um sagen zu können: „Dort steht es, wir hätten es wissen können“ Aber dieser Zeitpunkt wird erst dann kommen, wenn und Nash & Co dem Untergang der Menschlichkeit einen gewaltigen Schritt näher gebracht haben.

Bewertung: fünft

Buchkritik: „Die granulare Gesellschaft“, Christoph Kucklick

Früher war irgendwie alles doch einfacher, als der Mensch noch ein Individuum war. Doch die Zeiten ändern sich und zwar unabänderlich, wie Christoph Kucklick in seinem Buch Die granulare Gesellschaft – Wie das digitale unsere Wirklichkeit auflöst findet. Natürlich geht die Entwicklung des Individuums durch immer detailierte Datengewinnung über den Menschen nicht zurück zum Kollektiv, oder auch nur zur Möglichkeit Menschen in Gruppen zusammenzufassen. Das Individiuum selbst löst sich auf, jeder wird unverwechselbar, weil jeder mit so vielen kleinen Bausteinen besteht, dass eine Kombination aus diesen immer einzigartig ist.

Und so enden wir in einer granularen Gesellschaft, die sich Kucklick vorgenommen hat unaufgeregt, kritisch, aber nicht ablehnend zu beschreiben. Was ihm freilich nicht wirklich gelingt, zumindest ist es schwer ein System dahinter zu erkennen, wenn er eine Entwicklung und ihr mögliches Ergebnis einmal positiv und ein paar wenige Male auch negativ sieht. Kritisch steht er allein dem Staat gegenüber, der die großen Datenmengen natürlich ebenso nützen möchte wie die Wirtschaft. Das Unternehmen die Daten nur zum Wohle der Kunden nutzen, beschreibt er mit putzigen Beispielen wie etwa, dass es schon heute Online-Shops gibt, die Applenutzern einen höheren Preis abverlangen, da diese statistisch mehr Geld ausgeben würden. Seine Hauptargumente aber sind die üblichen kapitalistischen Wirtschaftstheorien, nach der Unternehmen schon aus eigenem Interesse weniger wohlhabenden Kunden einen geringeren Preis anbieten, da diese sonst ja nicht kaufen.

Viel eher dürfte eine granulare Gesellschaft darin enden, dass Versicherungen nur noch jene versichern, bei denen das geringste bis gar kein Risko mehr besteht. Eine Gesellschaft, in der wir uns nach der Schufa noch einmal zurücksehen werden. Eine Gesellschaft, die irgendwann zu einer Art digitalen Determinismus verkommen wird, weil sich mit allen Daten (vermeintlich) auch alles vorraus berechnen lassen wird.

Die granulare Gesellschaft kennt keinen Datenschutz mehr, da Daten letztendlich zu einer Parallelwährung geworden sein werden. Konsequent findet Kucklick dann auch, dass Datenmanagement den Datenschutz ersetzen sollte. Was er damit aber eigentlich vorschlägt ist die Kapitulation vor dem für ihn Unvermeindlichen. Nach dem Motto, kannst du nicht gewinnen, heule mit den Wölfen. Auf seine Art beschreibt er eine neue schöne Welt, in der Algorithmen dazu ausersehen sind uns das Leben einfacher zu machen, da sie mit allen Informationen die beste Lösung für uns finden sollen.

Diese schöne neue Welt auch zu überwachen, um den Missbrauch zumindest einzudämmen erscheinen dabei in den Ansätzen zwar gut, sind aber nicht konsequent zu Ende gedacht. Am Ende schwingt auch hier wieder ein „der Markt wird es schon richten“ zwischen den Zeilen mit.

Und so ist die granulare Gesellschaft, auch wenn der Autor sich bemüht das Positive zu betonen, am Ende nur die Zeichnung eines neuen Horrorszenarios. Kuckklick überlässt es ledigtlich dem Leser dies auch zu erkennen.

Bewertung: zwei

Buchkritik: „Der Circle“ von Dave Eggers

Manche Bücher lassen sich mit Bezug auf andere Bücher durchaus auch in einer mathematischen Formel ausdrücken. Im Fall dieses Buches würde die Formel ungefähr folgendermaßen lauten:

„Der Circle“ = („1984“ + „Schöne neue Welt“)²

Und damit wäre wahrscheinlich auch schon das Wichtigste über Dave Eggers Dystrophie „Der Circle“ gesagt, was gesagt werden muss. Alles was darauf noch folgen kann, dient nur noch zur Unterstützung der Tatsache, dass hier ein Roman veröffentlicht wurde, der schon in wenigen Jahren genau den Widerklang finden wird, den beispielsweise George Orwells „1984“ hat. Ein Roman, geschrieben vor Jahrzehnten, in dem aber bis ins kleinste Detail die düstere Gegenwart beschrieben wurde.

Doch Eggers hat nicht nur das „1984“ unserer Tage geschrieben, sondern eben auch die moderne Form von Aldous Huxleys „schöner neuen Welt“. Orwells düster Zukunftsvision der totalen Überwachung ist auch im Internet allgegenwärtig und muss für reelle und eingebildete Überwachungsaktionen in unseren Tagen herhalten. Huxley dagegen wird weit weniger zitiert, die Antwort auf die Frage warum das so ist, kann man übrigens auch bei Eggers erspüren. Huxleys düstere Vision in den Jahren nach Ford taugt für nicht wenige Anhänger der neuen Zeit schlicht nicht als Dystrophie, weil sie das, was Huxley in all seinen unmenschlichen Schrecken beschreibt, eigentlich herbeisehnen. Und so findet sich auch die Heldin in Eggers Roman in einer Welt wieder, die nicht nur von einem Internetkonzern beherrscht wird, der den Menschen keine Privatsphäre und erst recht keine Geheimnisse mehr zugestehen will, sondern den Menschen auch bis ins letzte Detail optimieren will.

Das mitunter beängstigendste an dem Konzern Circle ist nicht einmal sein sektenhafter Charakter, es ist die simple Tatsache, dass hier keine Bösewichte am Werk sind. Keine Schurken aus einem James Bond-Film, die eine düstere Macht aufgebaut haben, um sich die Welt untertan zu machen. Menschen wie die Figur Eamon Bailey, einer der drei Weisen bei Circle, glauben was sie sagen. Sie sind zutiefst davon überzeugt mit der Abschaffung von Privatsphäre und Geheimnissen, durch die vom Circle organisierte totale Überwachung, die Menschheit aus ihrem Jahrtausende alten Verderben zu retten. So gehört es zu den bedrückendsten Stellen des Buches, als Bailey Mae nach einem Fehltritt einen entsprechenden Vortrag hält, und der gebildete Leser am Ende das Buch zur Seite legen muss, um festzustellen, dass Menschen wie Bailey keinerlei Vorstellung des Begriffs Menschenwürde haben. Die Idee, dass die Würde des Menschen in irgendeiner Art und Weise schützenswert sei, ist für sie kein Relikt, das man überwinden muss – sie haben es schlicht nicht einmal verstanden.

So manch nerdiger Googlefan hat dem Autor die ein oder andere technische Unsauberkeit vorgeworfen, als ob, dass irgendwie ein Gegenargument gegen die Botschaft dieses Buchs darstellen könnte. Sicher, wer sich im IT-Bereich auskennt, wird solche Stellen finden. Und Eggers Vorstellung von Algorithmen ist manchmal durchaus laienhaft ausgedrückt, aber keinesfalls grundlegend falsch wiedergegeben. Die düstere Warnung an uns alle lächerlich auf diese Weise lächerlich zu machen, ist aber nur ein erbärmliches Vorhaben jener, die wie die Figur Bailey die Menschenwürde abschaffen wollen.

„Der Circle“ ist eine bedrückende Zukunftsvision, bei der nicht wenigen Lesern geradezu körperlich schlecht werden dürfte, weil diese Zukunft längst begonnen hat. Ähnlich wie Orwell und auch Huxley, lässt auch Eggers den Horror in einer Welt spielen, die uns täglich begegnet. Wer „Der Circle“ gelesen hat, und wer die Warnung vor dem Ende der Menschenwürde begriffen hat, der wird nie wieder etwas bei Facebook posten können, wie er es zuvorgetan hat.

Bewertung: fünft

Rezension: „Cyberpunks“ – Julian Assange

Mit der Plattform Wikileaks habe ich ja so ein Problem. Dabei geht es nicht um Wikileaks selbst, traurig aber wahr, solche Plattformen sind mitunter ein notwendiges Korrektiv in einer Realität, in der die Justiz als Kontrollinstrument nicht mehr viel taugt und die Medien ihre Rolle als 4. Gewalt nicht mehr wahrnehmen wollen, weil man so kein Geld verdienen kann. Mein Problem ist eher die Galionsfigur von Wikileaks, Julian Assange – Posterboy für die einen, Hassfigur für die anderen.

idiot

Das bei campus erschienene Buch Cyberpunks bestätigt diesen Eindruck nur. Allein das Vorwort von Julian Assange ist unerträglicher Bullshit, wobei es damit aber zumindest eine vorwarnende Wirkung hat. Könnte man aus Selbstverliebtheit und Arroganz Strom gewinnen, dieses Buch würde auf Jahrzehnte hinaus eine zuverlässige Energieressource sein.

In Cyberpunks glorifiziert sich ein Quartett Nerds selbst, wenn es schon kein anderer tut. Neben Assange wäre da auch das deutsche CCC-Mitglied Andy Müller-Maguhn, der den Chaos Computer Club als Sperrspitze des Antifaschismus sieht – wobei jeder außer ihm selbst zu den Faschisten zu gehören scheint. Die beiden anderen Akteure, Jacob Appelbaum und Jérémie Zimmermann, geben sich allerdings auch nicht sonderlich Mühe das Niveau anzuheben. Ihren Anliegen tun alle vier dabei alles andere als einen Gefallen. Wer zum Beispiel ihre Argumentation in Sachen Urheberrecht liest, kommt eher auf den Gedanken, ob Hollywood mit seinem Krieg gegen Filmpiraten am Ende nicht recht haben könnte. Die Argumentation ist so durchschaubar, wenn man zum Beispiel zwischen einem bestimmten Film und einer Filmidee nicht unterscheiden will, dass es vielleicht auch ein boshafter Lektor gewesen sein könnte, der die selbsternannten Ikonen absichtlich nicht auf ihren geistigen Dünnschiss aufmerksam gemacht hat.

Cyberpunks entblößt eine nach links bis linksextrem neigende Webszene aber auch sehr schön als nicht minder ideologisch veranlagt, als jene Gruppen, die für die selbsternannten Retter der Welt des Internets. Überdeutlich wird dies beim Thema Kinderpornografie im Netz. Für die einen ist Kinderpornografie ein Schlagwort, um den freien Internetverkehr einzuschränken. Zensur, wenn man denn so will. Statt allerdings eine alternative Lösung zu finden, die sowohl Kinderpornografie im Netz bekämpft, aber keine Zensurmöglichkeit darstellt, relativiert die Gesprächsrunde zwar nicht das Verbrechen des Kindesmissbrauchs an sich, wohl aber deren Verbreitung. Zwar gesteht man den Opfern zu, dass das Bilder von deren Missbrauch ebenfalls schmerzen können, aber – offenbar hält man es dann eben doch nicht für so schlimm, als dass man da groß was machen müsste.

Wer also Lösungen oder gar nur sinnvolle Beiträge zu Themen wie Zensur im Internet erwartet, sollte lieber die Finger von dieser Papierverschwendung lassen. Wer nicht an Argumenten, sondern Vorurteilen interessiert ist. Wer zweifelhafte Charaktere wie Julian Assange für Helden hält, weil sie sich als Opfer stilisieren können, kann diesem gedruckten Dreck aber sicher einen kleinen Altar aufbauen. Für alle anderen heißt es: Finger weg!!!

Bewertung: eins

PS: Die Bewertung von einem Kaffeebecher gibt es nur, weil ich keine 0 Kaffeebecher vergebe!

Buchkritik: „Mehr Transparenz wagen“, Jeff Jarvis

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Was würde Google tun? Diese einfache Frage machte Jeff Jarvis auch über den begrenzten Raum innermedialer Diskussionen hinaus einer breiteren Öffentlichkeit bekannt, seitdem gilt er vielen als so etwas wie ein vorzeigbarer Internetguru. Ein Mann, der lebt was er predigt, was ja durchaus auch schon mal ein Wert an sich ist, in einer Welt, die trotz gegenteiliger Behauptung auch digital mehr schöner Schein als reales Sein ist. Das aber ausgerechnet einer der Hohepriester der neuen digitalen Weltordnung für seinen Ruhm eben doch Bäume töten lassen musste, bleibt im wie Toilettenpapier an den Fußsohlen kleben, egal wie digital sich Jarvis auch geben mag.

Dabei versucht es Jarvis in seinem neuen Buch Mehr Transparanz wagen! zumindest hier und da mit Selbstkritik und Selbstbeschneidung. Natürlich will er alles öffentlich machen, aber na ja, vielleicht das jetzt nicht, oder das, aber das auf jeden Fall. Was er von der gnadenlosen Veröffentlichung ausnehmen will hat durchaus Sinn, aber scheint ohne Blick aufs Ganze beinahe willkürlich aus einer Masse der Möglichkeiten herausgepickt. Ein System bleibt der Autor jedenfalls schuldig. Am Ende steht er zu jenem Satz von Eric Schmidt, damals CEO von Google, der meinte, wenn man nicht wolle, dass etwas bekannt werde, sollte man es vielleicht erst gar nicht tun. Ein Satz wie ihn Erich Mielke oder Heinrich Müller hätten sagen können, mit dem teuflischen Grinsen, das Stasi oder Gestapo eigen ist. Das Jarvis die Tragweite einer solchen Denkweise nicht begreift, wird auch durch dieses Buch deutlich. Mehr Transparenz wagen! ist natürlich in erster Linie ein Plädoyer dafür die – zugegeben – relativ neue Errungenschaft der Privatheit wieder abzustoßen. Mag Jarvis in den interessanteren Stellen seines Buches auch ausführen, dass das Privatleben an sich eine junge Entwicklung ist, so zeigt er sich doch überzeugt, das es antiquiert und rückständig ist übertrieben daran festzuhalten. Zumindest wer seinen Teil von der schönen neuen Welt abhaben will, sollte das Wort „privat“ aus seinem Vokabular wieder streichen.

Auf diese Weise reiht sich auch Jeff Jarvis ein, in einer Reihe von Vordenkern, die den Menschen die Individualität – ironischer Weise mit dem Argument möglichst individual auf ihn einzugehen – nehmen wollen und ihn zu einem atmenden Geldbeutel zu machen. Der Mensch ist in der Zukunftsvision, die ihre Kracken schon in die Gegenwart ausgestreckt hat, eines Jeff Jarvis seine eigene Handelsware. Und wie alle Libertären, verschwendet natürlich auch Jarvis nicht den Hauch eines Gedanken an Menschen, die in dieser Situation vielleicht nicht herumspringen können, wie ein Fisch im Wasser. Nicht ein einziges Mal hält er es für nötig sein geschütztes Biotop zu verlassen, um vielleicht einmal mit normalen Menschen von der Straße zu sprechen, oder gar einen Blick auf die Verlierer der Gesellschaft zu werfen. Er unterhält sich lieber mit den Cowboys, zu denen er sich auch selbst zählt, als dem Datenvieh auf der Weide groß Beachtung zu schenken.

An der ein oder anderen Stelle fehlt es ihm vielleicht an Allgemeinbildung, oder er vertraut zu sehr auf das, was in den USA als Allgemeinbildung bezeichnet wird, aber zwischen den Zeilen kann der Leser durchaus erahnen, das Jarvis ja kein Idiot ist, sondern ein überaus intelligenter Mann. Aber man kann sich eben des Eindrucks nicht erwehren, dass sein nach links oder rechts sehen eher der Alibihaltung geschuldet ist, nicht jenes Verhalten vorgeworfen zu bekommen, dem er sich schuldig macht: Keinen Blick aufs Ganze zu haben, wahrscheinlich auch gar nicht haben zu wollen.

Bewertung: eins