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Buchkritik: “The Dark Net” von Jamie Bartlett

Manchmal kann der Einband täuschen, und das Buch doch gut sein. “The Dark Net” von Jamie Bartlett ist so ein Fall.

Mit der düsteren Umschlaggestaltung und den im fetten Orange gehaltenen Slogan “Dealer, Hacker, Pädophile …” auf der Rückseite, könnte man meinen Jamie Bartlett würde ein auf Sensation angelegtes Machwerk über das Darknet vorlegen. Wer sich ein wenig in der Buchwelt auskennt, merkt aber schnell, das hier jener Fall zutrifft, bei dem der Autor die Buchgestaltung ganz dem Verlag überlassen hat, was nicht unüblich ist, und dieser es ein wenig mit der verkaufsfördernden Symbolik übertrieben hat. Den Bartletts Buch an sich ist erfrischend neutral und sachlich geschrieben, ganz ohne Sensationslust oder Panikmache. Man könnte einzig anmerken, dass der Titel so nicht stimmt. Denn tatsächlich geht ist nur in gut einem Drittel der thematischen Kapitel tatsächlich um das Darknet, sofern wir es als jenen Teil des Internets definieren, für den man einen Tor Browser benötigt. Aber wer weiß, auch der Titel eines Buchs entspringt oft eher dem marketingtechnisch geschultem Hirn eines Lektors.

Was “The Dark Net” zu einem lesenswerten Buch macht? Nun, zum einen ist es Jamie Bartletts historische Herangehensweise, ja, inzwischen gibt es auch schon so etwas wie eine Internetgeschichte. Ganz unabhängig vom eigentlichen Thema, ist dieses Buch auch hier ein Füllhorn an Informationen und Geschichten. Ich fand viele davon höchst interessant, schließlich bin ich zwar schon lange dabei, aber auch erst eingestiegen, als beispielsweise das Usenet bereits am Verschwinden war. Ich erinnere mich, dank des Netscape-Browsers einen Blick darauf geworfen zu haben, ohne große Begeisterung zu entwickeln. Bartlett beschäftigt sich darin hauptsächlich mit der Geschichte des Trolls an sich, sein erster großer Themenschwerpunkt, in dem er gleich darzustellen weiß eine ausgewogene Geschichte zu erzählen. Denn auch das Trollen spielte sich einst in einer weiten Skala zwischen dumm und intellektuell herausfordern ab.

Auch im Kapitel Kinderpornografie baut Bartlett seine Geschichte um eine reale Person herum auf. In diesem Fall ein wegen Besitz von Kinderpornographie verurteilter Familienvater. Er spielt sich jedoch auch hier nicht zum Richter auf, nennt aber “zurecht lügen”, was sich der Täter als Verharmlosung seiner Tat zurecht lügt. Er versucht auch keine Sensationshascherei, sondern wird dem Thema gerecht. In der gleichen professionellen Weise behandelt er auch die Themen Magersucht, Selbstverletzung und Selbstmord, das durch zentrale Foren, ebenfalls längst ein Netzthema geworden ist. Nur hier kann er nicht ganz vermeiden, dass der Leser bei der Schilderung der Fälle emotional nicht betroffen wird. Angesichts der verwendeten Auszüge aus Chats und Forenbeiträgen, hat er dies allerdings wohl auch einkalkuliert.

Aber auch wenn es sich dabei um das letzte Kapitel des Buchs handelt, hinterlässt “The Dark Net” dennoch einen sehr guten Eindruck. Bartlett ist Journalist, der über die Politik zum Thema Internet und Social Media kam. Man darf also keine großen technischen Erklärungen erwarten, sein Schwerpunkt liegt auf den Funktionsweise der dahinter stehenden menschlichen Dynamiken. Anders als manche Vertreter seines Fachs, sind seine technischen Erklärungen zwar naturgemäß ebenfalls oberflächlich, aber dennoch korrekte Vereinfachungen. Das macht das Buch auch für Hardcore-ITler lesbar, die bei kleinen Fehlern sonst bekanntlich schon mal große Aufregung entwickeln können.

Auch wenn Bartlett in seinem Nachwort den Umgang mit der Digitalisierung anspricht, der in der Fachwelt und in der Gesellschaft einen großen Graben zwischen Utopisten und Dystopisten errichtet, hält er sich selbst erfrischend neutral und überlässt es dem Leser sich ein Urteil zu bilden. Das und das fundierte Wissen, dass in “The Dark Net” steckt, macht dieses Buch sehr lesenswert.

The Dark Net von Jamie Bartlett – Plassen Verlag 2018 – ISBN 978-3-86470-595-3

Von Thomas Matterne

Thomas Matterne ist ausgebildeter Journalist mit einem Diplom in Wirtschaftsinformatik. Er arbeitete als Leiter der Online Redaktion von TV touring und als Chefredakteur von DenkZeit. Aktuell schreibt er neben dieser Seite in diversen anderen Online-Veröffentlichungen, wie z.B. das Kaffee Journal. Auf dieser Seite finden sich vor allem Themen aus den Bereichen Content- und Online-Marketing, sowie dem Feld IT allgemein.

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