Buchkritik: „Silicon Valley“, Christoph Keese

Christoph Keese‘ Buch Silicon Valley gilt ja schon jetzt als eine Art Klassiker, will man die kleine Welt eines Tals irgendwo in Kalifornien verstehen, das sich aufschwingt nicht nur die digitale Welt zu beherrschen. Ja, und was soll ich sagen, das stimmt wahrscheinlich sogar.

Ein halbes Jahr lang war Keese mit anderen Größen des Axel Springer Verlags im Silicon Valley, um praktisch vor Ort einen Blick in die Zukunft zu werfen, die dort fast schon an der Grenze zur Vergangenheit existiert. Was dabei herausgekommen ist, ist ein Tatsachenbericht, der in der Tat Pflichtlektüre für alle werden sollte, die die ganz eigene Welt kalifornischer StartUp-Unternehmer kennen lernen wollen müssen. Mit einem Businesstrip ins Silicon Valley wäre es, so Keese richtig, wahrlich nicht getan, um eine Lebens- und Geschäftskultur, die Grenzen verschwimmen bis zur Unkenntlichkeit, zu verstehen.

Keese beschreibt dieses Aufeinander treffen der Welt sehr schön in der Rückschau eines früheren Besuchs bei Google. Als Mitglied einer Delegation des Weltzeitungsverbandes ging es – um was wohl – das Urheberrecht. Ein Recht, das den Google-Leuten völlig fremd erschien, da sie der Meinung waren jede Information müsse frei sein. Kompromisse? Ausgeschlossen.

„Uns saßen Leute gegenüber, die an die absolute Wahrheit ihrer Mission glaubten.“

Freilich könnte man jetzt sagen, schön, dass es noch junge Leute gibt, die an eine Mission glauben, doch einen Absatz zuvor hat Keese schon das Problem bei der Sache erläutert:

„Es sind keine Profi-Manager mit langen Karrieren in Konzernen, die wissen, wie man sich in demokratischen Gesellschaften bewegt, sondern oft junge Programmierer, die außer ihrem eigenen StartUp noch nicht viel gesehen haben.“

Kurz zusammengefasst: Die Herrscher der schönen neuen Welt kennen die Welt nicht und demokratische Spielregeln sind auch nicht gerade mit der noch gar nicht so lange erkalteten Muttermilch aufgesogen worden. – Die beiden Zitate stammen aus dem letzten Drittel von Silicon Valley und illustrieren sehr schön, dass Christoph Keese auch während seines Aufenthalts dort eine Reise gemacht hat. Den Anflug auf Silicon Valley beschreibt er fast schon schwärmerisch und die ersten Kapitel seines Buches klingen nach begeistert. Doch irgendwann kippt diese Begeisterung und Keese wird zusehends kritischer bei der Aussicht das von Silicon Valley eine schöpferische Zerstörung ausgeht, die nicht ohne Opfer bleiben kann.

In seinen Antworten auf die Herausforderungen, dem er das letzte Kapitel widmet, bleibt er freilich handzahm und mitunter widersprüchlich. Viel mehr als das Schulfach „Programmierung“ fällt ihm kaum ein. Und seine Forderungen nach mehr Risikokapitalgeber ruft nur hochgezogene Augenbrauen hervor, nachdem er einige Kapitel zuvor doch so analytisch die Täuschungsmanöver und Schwächen der Risikokapitalgeber im Valley aufgedeckt hat.

Dem Leser sei also (fast) empfohlen das letzte Kapitel einfach sein zu lassen. Dann hat er immer noch eine umfassende Analyse der Welt des Silicon Valleys in der Hand, nach dessen Lektüre man in der Tat einiges besser verstehen wird. Ob man deshalb ruhiger schlafen kann, das bleibt allerdings zu bezweifeln.

Bewertung: vier

Dieser Beitrag gehört zum Special Am Ende der Geschichte.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.