Buchkritik: „Mehr Transparenz wagen“, Jeff Jarvis

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Was würde Google tun? Diese einfache Frage machte Jeff Jarvis auch über den begrenzten Raum innermedialer Diskussionen hinaus einer breiteren Öffentlichkeit bekannt, seitdem gilt er vielen als so etwas wie ein vorzeigbarer Internetguru. Ein Mann, der lebt was er predigt, was ja durchaus auch schon mal ein Wert an sich ist, in einer Welt, die trotz gegenteiliger Behauptung auch digital mehr schöner Schein als reales Sein ist. Das aber ausgerechnet einer der Hohepriester der neuen digitalen Weltordnung für seinen Ruhm eben doch Bäume töten lassen musste, bleibt im wie Toilettenpapier an den Fußsohlen kleben, egal wie digital sich Jarvis auch geben mag.

Dabei versucht es Jarvis in seinem neuen Buch Mehr Transparanz wagen! zumindest hier und da mit Selbstkritik und Selbstbeschneidung. Natürlich will er alles öffentlich machen, aber na ja, vielleicht das jetzt nicht, oder das, aber das auf jeden Fall. Was er von der gnadenlosen Veröffentlichung ausnehmen will hat durchaus Sinn, aber scheint ohne Blick aufs Ganze beinahe willkürlich aus einer Masse der Möglichkeiten herausgepickt. Ein System bleibt der Autor jedenfalls schuldig. Am Ende steht er zu jenem Satz von Eric Schmidt, damals CEO von Google, der meinte, wenn man nicht wolle, dass etwas bekannt werde, sollte man es vielleicht erst gar nicht tun. Ein Satz wie ihn Erich Mielke oder Heinrich Müller hätten sagen können, mit dem teuflischen Grinsen, das Stasi oder Gestapo eigen ist. Das Jarvis die Tragweite einer solchen Denkweise nicht begreift, wird auch durch dieses Buch deutlich. Mehr Transparenz wagen! ist natürlich in erster Linie ein Plädoyer dafür die – zugegeben – relativ neue Errungenschaft der Privatheit wieder abzustoßen. Mag Jarvis in den interessanteren Stellen seines Buches auch ausführen, dass das Privatleben an sich eine junge Entwicklung ist, so zeigt er sich doch überzeugt, das es antiquiert und rückständig ist übertrieben daran festzuhalten. Zumindest wer seinen Teil von der schönen neuen Welt abhaben will, sollte das Wort „privat“ aus seinem Vokabular wieder streichen.

Auf diese Weise reiht sich auch Jeff Jarvis ein, in einer Reihe von Vordenkern, die den Menschen die Individualität – ironischer Weise mit dem Argument möglichst individual auf ihn einzugehen – nehmen wollen und ihn zu einem atmenden Geldbeutel zu machen. Der Mensch ist in der Zukunftsvision, die ihre Kracken schon in die Gegenwart ausgestreckt hat, eines Jeff Jarvis seine eigene Handelsware. Und wie alle Libertären, verschwendet natürlich auch Jarvis nicht den Hauch eines Gedanken an Menschen, die in dieser Situation vielleicht nicht herumspringen können, wie ein Fisch im Wasser. Nicht ein einziges Mal hält er es für nötig sein geschütztes Biotop zu verlassen, um vielleicht einmal mit normalen Menschen von der Straße zu sprechen, oder gar einen Blick auf die Verlierer der Gesellschaft zu werfen. Er unterhält sich lieber mit den Cowboys, zu denen er sich auch selbst zählt, als dem Datenvieh auf der Weide groß Beachtung zu schenken.

An der ein oder anderen Stelle fehlt es ihm vielleicht an Allgemeinbildung, oder er vertraut zu sehr auf das, was in den USA als Allgemeinbildung bezeichnet wird, aber zwischen den Zeilen kann der Leser durchaus erahnen, das Jarvis ja kein Idiot ist, sondern ein überaus intelligenter Mann. Aber man kann sich eben des Eindrucks nicht erwehren, dass sein nach links oder rechts sehen eher der Alibihaltung geschuldet ist, nicht jenes Verhalten vorgeworfen zu bekommen, dem er sich schuldig macht: Keinen Blick aufs Ganze zu haben, wahrscheinlich auch gar nicht haben zu wollen.

Bewertung: eins

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