Buchkritik: „Klara und die Sonne“ von Kazuo Ishiguro

Die Zukunft. Wer reich ist, genoptimiert seine Kinder – und wenn es sie das Leben kostet.

Die verantwortungsvollste Rolle, die einem Menschen zufallen kann, ist die Rolle eines Vaters oder einer Mutter. Über Jahre hinaus, vor und nach der Geburt, treffen sie Entscheidungen, mit denen ihr Kind vielleicht den Rest des Lebens im sprichwörtlichen Sinne leben muss. Und auch wenn die Eltern, wie es so schön heißt, stets das Beste für ihr Kind wollen, so ist es doch oft nicht leicht herauszufinden was genau dieses „Beste“ ist. Im neuen Roman des Literaturnobelpreisträgers Kazuo Ishiguro, der in einer nahen Zukunft spielt, müssen sich die Eltern entscheiden, ob ihr Kind „gehoben“ wird. Angehoben über die anderen Kinder, durch eine genetische Optimierung intelligenter gemacht. Doch wie alles im Leben, hat auch dies seinen Preis. Denn wer sich diese teure Optimierung für sein Kind leistet, der setzt es auch dem Risiko aus in der Pubertät zu sterben. Denn die Natur, der Körper, scheint in dieser Phase des Erwachsenwerdens auch gegen seine künstliche Optimierung zu rebellieren.

Dabei ist es in Ishiguros Dystopie ohnehin nicht leichter geworden durch die Pubertät zu kommen. Der Mensch ist vereinsamt, Treffen mit gleichaltrigen werden oft in Meetings durch die Eltern organisiert. Und der Mangel an Gesellschaft soll durch sogenannte KF’s aufgefangen werden. Solarbetriebene Roboter mit künstlicher Intelligenz, KF – Künstliche Freunde.

Klara, aus deren Sicht der Roman Klara und die Sonne erzählt wird, ist eine solche KF. Ishiguro lässt Klara die Geschichte erzählen und nimmt den Leser so mit auf eine andere Art des Erwachsenwerdens. Er lässt den Leser diese „schöne neue Welt“ durch die Augen Klaras erkennen, die in ihrem Geschäft steht, durch das Schaufenster die Welt beobachtet, lernt und wartet ihre Aufgabe zu erfüllen, einem Kind zur Seite zu stehen. Doch sie scheint fast schon zum Ladenhüter zu werden, bis die junge Jodie kommt, und ihre Mutter überredet sie zu kaufen. Fortan teilt Klara ihr künstliches Leben mit Jodie.

Klara geht in ihrer Rolle auf, ohne jedoch eine Marionette zu sein. Ishiguro arbeitet hier in einfühlsamer Weise die Frage nach dem Bewusstsein auf, und stellt die Frage in den Raum inwiefern auch Künstliche Intelligenz ein Bewusstsein entwickeln kann. Seine Klara entwickelt sogar ein Bedürfnis nach Religion. Sie weiß nicht, dass ihre Energie über ein Solarmodul bereitgestellt wird, weiß aber sehr wohl, dass sie die Sonne suchen muss. Und so wird die Sonne in ihren Gedanken zu einer göttlichen Figur, die sie zwar nicht anbetet, der sie aber die göttliche Eigenschaft zuschreibt in das Leben auf der Erde eingreifen zu können. Und so fasst sie eines Tages den Plan, die Sonne zu bitten doch Jodie von ihrer Krankheit zu befreien.

Eine Krankheit, die Jodie ihrer Mutter verdankt, die sich anders als ihre Nachbarin entschieden hat, ihre beiden Töchter genetisch zu optimieren – und die Jodies ältere Schwester dadurch schon verloren hat. Und auch um Jodie scheint es immer schlechter zu stehen, was die Mutter in die Hände eines anderen Optimierers treibt, der glaubt Menschen und Künstliche Intelligenz auf eine verquere Art und Weise vereinen zu können. Und auch in diesem Plan spielt Klara schnell eine eigene Rolle.

Klara und die Sonne ist Kazuo Ishiguros erster Roman, nachdem er 2017 den Nobelpreis erhielt. Das Werk war lange im Werden, sollte sogar zuerst ein einfach geschriebenes Kinderbuch werden. Am Ende wurde es dann doch ein großer Roman, der für jede Altersgruppe geeignet ist. Die ruhige, aber stets neugierige Stimme von Klara begleitet den Leser von der ersten bis zur letzten Seite hindurch auf einer Lebensreise, auf der die wesentlichen Fragen der Menschlichkeit gestellt werden. Durch die gesunde Naivität, mit der Klara die Welt sieht, führt er den Leser Schritt für Schritt in eine Welt, die unserer gleicht, und doch eine Dystopie ist. Er wirft einen Blick auf Menschen, die mit den Konsequenzen ihrer Entscheidungen leben müssen, und nimmt durch Klara eine außenstehende Perspektive ein, die doch vielleicht die menschlichste im gesamten Roman ist.

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