Wer in der Science Fiction-Literatur mit der von ihm gezeichneten Dystopie noch herausstechen will, der muss sich heute schon etwas einfallen lassen. Im Grunde haben wir entweder schon alle Schreckensvisionen durch oder gar den Eindruck, sie seien längst eingetreten. Was also tun?

Die Idee von Matthias Oden ist zwar nicht sensationell neu, sie ist aber geradezu gnadenlos zu Ende gedacht. In seiner düsteren Zukunftsvision hat eine Konsumrevolution die Welt, wie wir sie bisher kannten, komplett auf den Kopf gestellt. Wobei man schon nach wenigen Kapiteln Konsum weniger mit hemmungslosen Einkaufstouren in Verbindung bringt, sondern mit Drogenkonsum. Denn während in unseren Tagen Kiffer davon träumen ihr Cannabis endlich legal am Kiosk kaufen zu können, ist in Junktown Drogenkonsum oberste Bürgerpflicht. Nur das der staatlich verordnete Drogenkonsum letztlich natürlich nicht dem Rausch der Bürger dient, sondern ihrer Kontrolle – in Oden’s Zukunftsvision lässt sich Staatstreue anhand in einem Becher gepinkelten Urins überprüfen.

Und noch in einem anderen Punkt ist der Roman Junktown wenig vielversprechend, zumindest wenn man es nicht für ein Problem hält, dass der Staat Menschen anhand von Zuchtreihen in riesigen Gebärmaschinen produziert. Maschinen, die zum einen Beziehungen mit Menschen eingehen, zum anderen in einer Welt auf Drogen natürlich unverzichtbar sind, um das öffentliche Leben zumindest in seinen Grundzügen aufrechtzuerhalten. Kein Wunder also, dass es mit der Gemapo eine eigene Polizeieinheit gibt, die sich nur den Verbrechen an Maschinen widmet. (Gemapo, kling wie Gestapo? Oden’s Buch ist voll von Anspielungen auf nationalsozialistische und kommunistische Diktaturen.)

Den Mord an eben einer jener Gebärmaschinen hat Inspektor Solomon Cain aufzuklären. Ein Revolutionär der ersten Stunde, der aber längst in die innerliche Opposition abgeglitten ist. Den lebenslangen Drogenkonsum hat Cain überstanden, auch mit Mitte 50 hat er noch das beste Rating. Das sich seine Frau aber für die Partei den „goldenen Schuss“ gegeben hat, hat ihn endgültig gebrochen. Er lebt nur noch für seine Arbeit, praktisch von Fall zu Fall – doch dieser ist von Beginn an zu einfach. Es wäre so einfach gewesen den Mord an Gebärmaschine BM 17 als Eifersuchtstat abzuschließen und im Aktenarchiv verschwinden zu lassen. Cain aber ist das zu einfach, und er beginnt weiter zu graben, trifft eine mysteriöse Frau und stößt plötzlich auf das zentrale Mittel der Unterdrückung – jener Behörde, der er selbst Jahre lang gedient hat.

Die Freiheit keine Wahl zu haben

Revolutionen gehen scheinbar weit häufiger schief, als dass sie wirklich gelingen würden. Und so endet in Junktown die Legalisierung von Drogen nicht damit, dass jetzt jeder sich einwerfen oder spritzen kann was er möchte, nein, er muss einen gewissen Pegel erreichen. In jeder verdammten Revolution geht es um die Freiheit, und seinen wir ehrlich, es ist die Freiheit, die auch als erstes dran glauben muss. Und wenn die Lage am Ende schlimmer ist, also zuvor – wen könnte das wirklich noch überraschen. Die Idealisten von einst korrumpieren zu den Mächtigen von heute – oder sie werden zu einem Solomon Cain. Einem Rädchen in einem System, an das sie noch weniger glauben, als sie sich selbst eingestehen wollen, aber zu dessen Funktion sie weiterhin beitragen.

„Ich nehme nicht an, dass Sie mich hierher bestellt haben, um mir etwas über Ihre Liebe für den Abend zu erzählen.“, sagte er.

Wieder lächelte sie. „Aber wäre das nicht der bessere Anlass? Sie könnten mir dann von Ihren Bonbons abgeben, und wir würden zusehen, wie der Tag stirbt.“ Sie wurde ernst. „Die meisten Tage haben es verdient zu sterben, finde ich. Was meinen Sie Solomon Cain?“

aus Junktown von Matthias Oden

Es ist die Zeichnung seiner Figuren, die Matthias Oden in seinem Erstling besonders gut gelingt. Allen voran natürlich Solomon Cain, aus dessen Perspektive die düstere Geschichte erzählt wird. Da kann man schon darüber hinweg sehen, dass ihm das bei der Szenerie um die Handlung herum nicht ganz gelingt. Mag man die im Tonfall eines Beamten gehaltenen Erklärungen wann wer wie viele Drogen nehmen und welches Rating er dennoch erhalten muss, um nicht auf dem Recyclinghof zu landen, hat die Schilderung sonst oft viele Elemente, die einen die Augenbraue nach oben ziehen lassen.

Dem Gesamteindruck schadet das ein wenig, lässt einem aber nicht von der Lektüre von Junktown abraten. Es ist vielleicht kein Buch, das man 2017 unbedingt gelesen haben muss, es kann aber auch nicht schaden.

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