Buchkritik: „Ego“, Frank Schirrmacher

Als mir der Homo oeconomicus zum ersten Mal begegnet ist, war er nicht mehr als eine Theorie. Er wurde mir von meinen VWL-Professoren als ein Konstrukt vorgestellt, das eine extreme Vereinfachung des Menschen darstellte, um mit dem Menschen rechnen und Vorhersagen treffen zu können. Ein paar Jahre später betonte ein weiterer VWLer diese Vereinfachung schon nicht mehr wirklich und folgt man dem 2014 verstorbenen Frank Schirrmacher, dann ist diese Entwicklung inzwischen noch weiter fortgeschritten.

Nummer 2, beginnt Schirrmacher den Homo ooeconomicus in seinem Buch Ego – Das Spiel des Lebens zu nennen, um diese Weiterentwicklung zu kennzeichnen. Ein zweites Ich sozusagen, das jedem Menschen eigen ist und mehr und mehr die Kontrolle über Nummer 1 gewinnt. Nicht etwa, weil Nummer 2 etwas anderes wäre, als ein vereinfachtes Abbild, sondern weil er längst für bare Münze genommen wird.

Dabei zielt der Autor weniger auf die Ökonomen ab, unter denen es noch viele gibt, die sehr wohl wissen was der Homo oeconomicus wirklich ist, als auf die Mathematiker, Physiker und nicht zuletzt Informatiker, denen Nummer 2 ans Herz gewachsen ist. Denn Nummer 2 vereinfacht ihnen das Leben, weil er absolut rational denkt und keine unprogrammierbaren Fehler hat wie Widersprüche oder spontane Emotionen. Der Mensch lässt sich nicht in einen Algorithmus übersetzen, Nummer 2 aber sehr wohl.

Wie sich aber Nummer 2 entscheidet, dazu geht Schirrmacher noch weiter in die Vergangenheit zurück und landet bei den Erfindern der Spieltheorie. Bei Wissenschaftlern wie der durch Hollywood verklärten John F. Nash, dessen Nash-Gleichgewicht noch heute ein grundlegender Bestandteil zum Beispiel des reinen Computerhandels an der Börse ist. Nash predigt darin den Egoismus, daher auch der Titel des Buches, wider besseren Wissens. Als Schande seiner Zunft legte er das Ergebnis fest, und als seine Theorie in verschiedenen Szenarien mit Sekretärinnen seines Insituts durchspielen lies, schob er die widersprüchlichen Ergebnisse auf die Tatsache, man hätte Frauen als Testobjekte genutzt. Seine falschen Annahmen aber prägen die entmenschlichte Wirtschaftstheorie aber noch heute.

Doch nicht nur das treibt Schirrmacher um. Weit mehr ist er über die Entwicklung besorgt, dass sich der Mensch früher oder später an die Algorithmen anpasst, statt die Algorithmen an den Menschen. Das Nummer 2 also irgendwann nicht nur das eigentliche Ich führt, sondern es auslöscht. Das wir also am Ende genauso entscheiden wie die Rechner im automatisierten Börsenhandel. Ausgehend von einer absolut rationalen Position, die allein den eigenen Egoismus im Blick hat und davon ausgeht, dass das Gegenüber die gleichen egoistischen Motive hat. Keine schöne neue Welt.

Ego – Das Spiel des Lebens wird meiner Ansicht nach eines jener wegweisenden Bücher sein, die später einmal herangezogen werden, um sagen zu können: „Dort steht es, wir hätten es wissen können“ Aber dieser Zeitpunkt wird erst dann kommen, wenn und Nash & Co dem Untergang der Menschlichkeit einen gewaltigen Schritt näher gebracht haben.

Bewertung: fünft

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