Buchkritik: „Die granulare Gesellschaft“, Christoph Kucklick

Früher war irgendwie alles doch einfacher, als der Mensch noch ein Individuum war. Doch die Zeiten ändern sich und zwar unabänderlich, wie Christoph Kucklick in seinem Buch Die granulare Gesellschaft – Wie das digitale unsere Wirklichkeit auflöst findet. Natürlich geht die Entwicklung des Individuums durch immer detailierte Datengewinnung über den Menschen nicht zurück zum Kollektiv, oder auch nur zur Möglichkeit Menschen in Gruppen zusammenzufassen. Das Individiuum selbst löst sich auf, jeder wird unverwechselbar, weil jeder mit so vielen kleinen Bausteinen besteht, dass eine Kombination aus diesen immer einzigartig ist.

Und so enden wir in einer granularen Gesellschaft, die sich Kucklick vorgenommen hat unaufgeregt, kritisch, aber nicht ablehnend zu beschreiben. Was ihm freilich nicht wirklich gelingt, zumindest ist es schwer ein System dahinter zu erkennen, wenn er eine Entwicklung und ihr mögliches Ergebnis einmal positiv und ein paar wenige Male auch negativ sieht. Kritisch steht er allein dem Staat gegenüber, der die großen Datenmengen natürlich ebenso nützen möchte wie die Wirtschaft. Das Unternehmen die Daten nur zum Wohle der Kunden nutzen, beschreibt er mit putzigen Beispielen wie etwa, dass es schon heute Online-Shops gibt, die Applenutzern einen höheren Preis abverlangen, da diese statistisch mehr Geld ausgeben würden. Seine Hauptargumente aber sind die üblichen kapitalistischen Wirtschaftstheorien, nach der Unternehmen schon aus eigenem Interesse weniger wohlhabenden Kunden einen geringeren Preis anbieten, da diese sonst ja nicht kaufen.

Viel eher dürfte eine granulare Gesellschaft darin enden, dass Versicherungen nur noch jene versichern, bei denen das geringste bis gar kein Risko mehr besteht. Eine Gesellschaft, in der wir uns nach der Schufa noch einmal zurücksehen werden. Eine Gesellschaft, die irgendwann zu einer Art digitalen Determinismus verkommen wird, weil sich mit allen Daten (vermeintlich) auch alles vorraus berechnen lassen wird.

Die granulare Gesellschaft kennt keinen Datenschutz mehr, da Daten letztendlich zu einer Parallelwährung geworden sein werden. Konsequent findet Kucklick dann auch, dass Datenmanagement den Datenschutz ersetzen sollte. Was er damit aber eigentlich vorschlägt ist die Kapitulation vor dem für ihn Unvermeindlichen. Nach dem Motto, kannst du nicht gewinnen, heule mit den Wölfen. Auf seine Art beschreibt er eine neue schöne Welt, in der Algorithmen dazu ausersehen sind uns das Leben einfacher zu machen, da sie mit allen Informationen die beste Lösung für uns finden sollen.

Diese schöne neue Welt auch zu überwachen, um den Missbrauch zumindest einzudämmen erscheinen dabei in den Ansätzen zwar gut, sind aber nicht konsequent zu Ende gedacht. Am Ende schwingt auch hier wieder ein „der Markt wird es schon richten“ zwischen den Zeilen mit.

Und so ist die granulare Gesellschaft, auch wenn der Autor sich bemüht das Positive zu betonen, am Ende nur die Zeichnung eines neuen Horrorszenarios. Kuckklick überlässt es ledigtlich dem Leser dies auch zu erkennen.

Bewertung: zwei

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