Buchkritik: „Der Circle“ von Dave Eggers

Manche Bücher lassen sich mit Bezug auf andere Bücher durchaus auch in einer mathematischen Formel ausdrücken. Im Fall dieses Buches würde die Formel ungefähr folgendermaßen lauten:

„Der Circle“ = („1984“ + „Schöne neue Welt“)²

Und damit wäre wahrscheinlich auch schon das Wichtigste über Dave Eggers Dystrophie „Der Circle“ gesagt, was gesagt werden muss. Alles was darauf noch folgen kann, dient nur noch zur Unterstützung der Tatsache, dass hier ein Roman veröffentlicht wurde, der schon in wenigen Jahren genau den Widerklang finden wird, den beispielsweise George Orwells „1984“ hat. Ein Roman, geschrieben vor Jahrzehnten, in dem aber bis ins kleinste Detail die düstere Gegenwart beschrieben wurde.

Doch Eggers hat nicht nur das „1984“ unserer Tage geschrieben, sondern eben auch die moderne Form von Aldous Huxleys „schöner neuen Welt“. Orwells düster Zukunftsvision der totalen Überwachung ist auch im Internet allgegenwärtig und muss für reelle und eingebildete Überwachungsaktionen in unseren Tagen herhalten. Huxley dagegen wird weit weniger zitiert, die Antwort auf die Frage warum das so ist, kann man übrigens auch bei Eggers erspüren. Huxleys düstere Vision in den Jahren nach Ford taugt für nicht wenige Anhänger der neuen Zeit schlicht nicht als Dystrophie, weil sie das, was Huxley in all seinen unmenschlichen Schrecken beschreibt, eigentlich herbeisehnen. Und so findet sich auch die Heldin in Eggers Roman in einer Welt wieder, die nicht nur von einem Internetkonzern beherrscht wird, der den Menschen keine Privatsphäre und erst recht keine Geheimnisse mehr zugestehen will, sondern den Menschen auch bis ins letzte Detail optimieren will.

Das mitunter beängstigendste an dem Konzern Circle ist nicht einmal sein sektenhafter Charakter, es ist die simple Tatsache, dass hier keine Bösewichte am Werk sind. Keine Schurken aus einem James Bond-Film, die eine düstere Macht aufgebaut haben, um sich die Welt untertan zu machen. Menschen wie die Figur Eamon Bailey, einer der drei Weisen bei Circle, glauben was sie sagen. Sie sind zutiefst davon überzeugt mit der Abschaffung von Privatsphäre und Geheimnissen, durch die vom Circle organisierte totale Überwachung, die Menschheit aus ihrem Jahrtausende alten Verderben zu retten. So gehört es zu den bedrückendsten Stellen des Buches, als Bailey Mae nach einem Fehltritt einen entsprechenden Vortrag hält, und der gebildete Leser am Ende das Buch zur Seite legen muss, um festzustellen, dass Menschen wie Bailey keinerlei Vorstellung des Begriffs Menschenwürde haben. Die Idee, dass die Würde des Menschen in irgendeiner Art und Weise schützenswert sei, ist für sie kein Relikt, das man überwinden muss – sie haben es schlicht nicht einmal verstanden.

So manch nerdiger Googlefan hat dem Autor die ein oder andere technische Unsauberkeit vorgeworfen, als ob, dass irgendwie ein Gegenargument gegen die Botschaft dieses Buchs darstellen könnte. Sicher, wer sich im IT-Bereich auskennt, wird solche Stellen finden. Und Eggers Vorstellung von Algorithmen ist manchmal durchaus laienhaft ausgedrückt, aber keinesfalls grundlegend falsch wiedergegeben. Die düstere Warnung an uns alle lächerlich auf diese Weise lächerlich zu machen, ist aber nur ein erbärmliches Vorhaben jener, die wie die Figur Bailey die Menschenwürde abschaffen wollen.

„Der Circle“ ist eine bedrückende Zukunftsvision, bei der nicht wenigen Lesern geradezu körperlich schlecht werden dürfte, weil diese Zukunft längst begonnen hat. Ähnlich wie Orwell und auch Huxley, lässt auch Eggers den Horror in einer Welt spielen, die uns täglich begegnet. Wer „Der Circle“ gelesen hat, und wer die Warnung vor dem Ende der Menschenwürde begriffen hat, der wird nie wieder etwas bei Facebook posten können, wie er es zuvorgetan hat.

Bewertung: fünft

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