Buchkritik: „Der Astronaut“ von Andy Weir

In Andy Weirs neuen Roman hat die Menschheit ein Problem, die Sonne geht langsam aus.

Wenn man ein Raumschiff zur Rettung der Menschheit Hail Mary nennt, dürfte das weniger ein Zeichen des Glaubens, als der puren Verzweiflung sein. Der Begriff „Hail Mary“ findet sich zum Beispiel im American Football. Damit wird ein Pass des Quarterbacks der hinten liegenden Mannschaft bezeichnet, der den Ball in den letzten Sekunden einfach nur noch verzweifelt nach vorn wirft, in der Hoffnung ein Mitspieler würde durch Zufall zur richtigen Zeit an der richtigen Stelle sein, um den Ball in die Endzone zu tragen. Die Footballgeschichte ist voller Hail Marys, an die sich jeder Fan gerne erinnerte. Damit wurden schon Meisterschaften gewonnen. Doch wie das mit der menschlichen Erinnerung so ist, man erinnert sich an die Erfolge, nicht an die viel zahlreicheren Misserfolge.

Als Ryland Grace allein im Raumschiff „Hail Mary“ erwacht, hat er keine Erinnerung mehr daran, warum er überhaupt hier ist. Seine beiden Mitraumfahrer sind auch keine sonderliche Hilfe. Sie haben den 13jährigen Flug zu Tau Ceti nicht überlebt. Zwar kommt die Erinnerungen Stück für Stück zurück, allerdings stellt sie Grace nur vor die nächste Frage: Was macht ein Highschool-Lehrer in einem Raumschiff, das die letzte Hoffnung der Menschheit ist?

Seit der Verfilmung seines Erstlings Der Marsianer gehört Andy Weir zur ersten Garde der Science-Fiction-Autoren. Während er den Leser in seinem letzten Buch auf den Mond entführte, geht es in Der Astronaut ein paar Lichtjahre weiter. Zu unserem Sternennachbar Tau Ceti. Grund dafür sind Astrophagen, kleine Lebewesen mit großer Wirkung. Wie Parasiten haben sie die Sonne und ihre Nachbarn befallen, um ihnen sprichwörtlich Energie abzuzapfen. Für einen Planeten wie die Erde, deren Lebensformen auf Sonnenlicht angewiesen sind, keine gute Sache. Doch anders als die Sonne ist der Stern Tau Ceti zwar ebenfalls von den Astrophagen befallen, behält aber seine Strahlkraft. Die Ursache, so hofft man auf der Erde, könnte nun auch die Menschheit retten.

Klingt abgefahren und weit hergeholt? Yep, ist es auch. Aber Weir mixt die Science-Fiction-Elemente so geschickt mit seiner Einführung in die Naturwissenschaft, das Unterrichtsfach seines Helden, dass das alles gar nicht mal so weithergeholt wirkt, wie es wirklich ist.

Doch zurück zu unserem Helden auf der „Hail Mary“ … Während die Erinnerung Stück für Stück zu Grace zurückkommt, und er beschließt die Aufgabe zur Rettung der Menschheit anzunehmen, taucht plötzlich ein zweites Raumschiff in der Nähe auf. Es ist kein zweites Schiff von der Erde, denn kurz darauf darf sich Grace auch als ersten Menschen sehen, der mit einer außerirdischen intelligenten Lebensform Kontakt aufnimmt. Die hat das gleiche Problem und den gleichen Hoffnungsschimmer am interstellaren Horizont gesehen. Und, in der Weltraumfahrt unerfahren, ein ähnliches Problem, außer dem Bordingenieur hat niemand die Reise zu Tau Ceti überlebt. Nach dem First Contact kommt das First Teamwork. Gemeinsam mit Rocky, wie Grace in Ermangelung eines besseren Namens seinen neuen Freund nennt, macht sich Grace an die Antwort an die Frage, warum Tau Ceti besser mit den Astrophagen zurechtkommt als die Sonnen der beiden Astronauten.

Wie seine Vorgänger lebt Der Astronaut von einer gelungenen Mischung aus penibel recherchierten Fakten und überraschender Annahmen. In Artemis waren es ausgerechnet Kenianer, die die Mondstation bauten, in diesem Buch arbeitet die Menschheit zusammen – das heißt eigentlich hat sich die Menschheit geeinigt einer Mitarbeiterin der ESA die Macht zu geben, die sowohl versucht die Abkühlung der Erde durch eine waghalsige Erhitzung der Atmosphäre – Menschen sind da ja recht gut drin – zu verlangsamen, als auch mit der Hail Mary-Mission nach dem letzten Strohhalm zu greifen. Das sich jene Eva Stratt dazu recht unkonventioneller Methoden bedient, bekommt auch Grace des Öfteren zu spüren. Ursprünglich an Bord geholt, weil er vor seinem Lehrerdasein eine wissenschaftliche Arbeit schrieb, in der er Leben auch ohne Wasser als möglich betrachtet, wird er schnell zu ihrer Nummer 1. Auch nachdem sich herausstellte, dass selbst Wesen, die der Sonne Energie abzapfen, auf Wasser angewiesen sind. Und am Ende ist es natürlich auch Stratt, die Grace auf die Hail Mary beordert – ebenfalls auf eine unkonventionelle Art und Weise.

Insgesamt ist dabei ein durchaus lesenswerter Science-Fiction-Roman herausgekommen, der sich trotz des für Andy Weir typischen großen Umfangs schnell und zügig liest. Dafür sorgt auch der zum Sarkasmus neigende Ich-Erzähler. Das der Leser dadurch relativ schnell ahnt, dass die Selbstmordmission der Hail Mary, deren Rückkehr zur aus technischen Gründen nicht möglich ist, doch ein anderes Ende nehmen wird. Allerdings hält Weir, so viel sei verraten, auch hier noch einen kleinen Spin bereit.


Bild von Cäsium137 (talk) after R. J. Hall after Torsten Bronger – This is a inverse color version of the "Image:Tau_ceti_map.png", CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=4861604

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