Buchkritik: Das digitale Debakel

Was Andrew Keen mit „Das digitale Debakel“ vorlegt, ist zweifellos ein teils recht polemisches Manifest. Der Autor hat sich teils in Rage geschrieben, aber wer kann es ihm verübeln, sieht er doch nichts weniger als die größte Gefahr für Demokratie und Marktwirtschaft längst unter uns weilen. Das Internet, mit seinen Monopolisten rund um Facebook, Google & Co., ist in seiner Darstellung eine zweite industrielle Revolution. Und wie die ursprüngliche industrielle Revolution ist sie für das bisherige zerstörerisch und wird von Männern gelenkt, die ihr Vermögen durch die Ausbeutung der Massen erwirtschaften.

Die alten weißen Männer von damals, sind heute junge weiße Männer. (Frauen sind unter den Popstars der Internetwelt nur die Ausnahme geblieben.) Überzeuge libertäre Manchesterkapitalisten, die nur in dem Wahn leben an einer neuen Gesellschaft zu bauen, die allen zugute kommt. Fast mit einem genüsslichen Horror rechnet Keen vor, wie viele Arbeitsplätze die Digitalisierung gekostet hat und wie wenige durch sie neu entstanden sind. Allerdings können nicht wenige von dieser Minderheit der Profiteure vor Geld kaum laufen. Geld das sie nutzen um in eine Parallelwelt abzugleiten, ohne jeglichen Kontakt ertragen zu müssen, zu jenen Menschen, die durch ihre Geschäfte immer ärmer werden. Eine neue Aristokratie, nennt der Autor diese Entwicklung, allerdings einer Aristokratie ohne Verantwortung für die Menschen unter sich.

Mythos für Mythos des Silicone Valley werden bloßgestellt und der Lächerlichkeit Preis gegeben. Das mag manchem, der an die Lebenslügen der schönen neuen Welt glaubt, wie einst die Menschen einer Religion anhingen, natürlich nicht sonderlich gefallen. Und so ist „Das digitale Debakel“ wohl eines der wichtigsten Bücher des beginnenden 21. Jahrhunderts, obwohl es gerade von den Erfolgreichen missachtet werden wird. Wer blickt schon gerne in einen Spiegel, der keine Photoshopfunktion mitgeliefert bekommt?

Natürlich muss man auch anmerken, dass die riesigen Arbeitsplatzverluste, die zum Beispiel in der Heimatstadt von Kodak entstanden sind, nicht zuletzt a) an Fehlentscheidungen von Kodak selbst und b) nun einmal auch in einer Marktwirtschaft vorkommen würden. Dennoch taugt dieses Beispiel sehr gut, um zumindest die Legende des digitalen Jobwunders zu widerlegen. Jobs für die Masse bringen nur Arbeitgeber wie Amazon. Anderes wird längst ausgelagert in Regionen der Welt, in denen selbst ein Job in den Lagern von Amazon erträglich ist. Für die breite Masse träumt man von einen von Apps organisierten im Minutentakt abgerechneten jobben nach Bedarf. Was aber nichts weiter ist als Hightech-Sprech für den Begriff Tagelöhner.

Keen zeichnet kein angenehmes Bild von einem einst öffentlich finanzierten und idealistisch-geprägten Internet. Es wird beherrscht von jungen Männern, die dank Lkw-Ladungen voll Geld nicht aus der Pubertät herauszuwachsen brauchen. Zwar haben sie Visionen für eine bessere Gesellschaft, sie sind aber auch bereit diese ohne Rücksicht auf Verluste durchzusetzen. Kein Wunder also, dass der Autor nicht wirklich glaubt, dass sich das Problem von selbst lösen wird. Vielmehr fordert er das Einschreiten des Staates und der Behörden, die schon die brutalen Auswüchse der ersten industriellen Revolution zum Wohle der Gemeinschaft eingeschränkt haben. Geschadet hat uns das bekanntlich nicht, auch wenn ein paar alte weiße Männer nur noch stinkreich wurden, statt unermesslich reich.

Bewertung: fünft

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.