Buchkritik: „Corpus Delicti – Ein Prozess“ von Juli Zeh

Vieles was vor zehn Jahren noch undenkbar schien, ist heute denkbar geworden. Und so ist dieses Buch vor allem eines, eine Warnung.

Während allerorten George Orwell’s 1984, und vielleicht noch Aldous Huxley’s Schöne neue Welt in aller Munde war, musste ich in den letzten Monaten immer wieder an eine andere Dystopie wesentlich jüngeren Datums denken: Juli Zeh’s Corpus Delicti – Ein Prozess

Vor über zehn Jahren erschienen, beschreibt Juli Zeh darin einen totalitären Staat, in dem die METHODE herrscht. Gesundheit ist nicht nur oberste Bürgerpflicht, sie ist auch Staatsziel, dem sich der Bürger mit seinem Verhalten unterzuordnen hat.

Es ist kein Buch, das die Coronapandemie vorhergesehen hat. Ein Virus spielt darin keine Rolle. Und dennoch liest man einen Roman, der die Dystopie einer Gesundheitsdiktatur beschreibt, im Jahr 2021 doch ganz anders, als man es 2009 getan hat. Dennoch spielt Corpus Delicti, weder der Roman, noch das vorangegangene Theaterstück, in diesen Tagen, außerhalb einiger pflichtschuldiger Erwähnungen im von Normalsterblichen kaum wahrgenommenen Teilen des Feuilleton, eine Rolle.

Eine Autorin, die sich treu geblieben ist

An der Autorin selbst liegt es wohl nicht. Juli Zeh, die auch studierte Juristin ist und seit kurzem Mitglied im brandenburgischen Verfassungsgericht, meldete sich in den letzten Monaten durchaus zu Wort. Im großen Geschrei, das hierzulande inzwischen jegliche Diskussion zu ersticken beginnt, wurde sie freilich kaum wahrgenommen. Ihre Warnungen vor einem demokratiefeindlichen Wir-Gefühl oder ihre Gegnerschaft zu einer Impfpflicht hat man im linken Spektrum lieber überhört, um keine Nestbeschmutzerin groß zu machen. Und für das nach rechts neigende Querdenkerspektrum jedoch war sie zu dezidiert links.

Was auch auf den Roman selbst zutrifft, der ähnlich wie 1984 eine Warnung an das eigene Lager ist, nicht in einen Totalitarismus zu enden. Freilich lässt sich einwenden, dass 1984 oder auch Die Farm der Tiere heute zumindest im Gebrauch der Texte als politisches Propagandamaterial längst von ihrem Autor abgekoppelt wurden. Das Orwell Sozialist war und im Spanischen Bürgerkrieg gegen Franco zur Waffe griff, hindert die politische Rechte bis zu ihrem äußersten Rand nicht daran, seine Dystopien für sich zu nutzen. Das Juli Zeh solch ein Schicksal erspart bleibt, liegt wohl zum einen daran, dass sie ihr Werk direkt durch die Aufklärung im Allgemeinen, aber auch durch die Frankfurter Schule, durch Adorno und Horkheimer im Speziellen begründen kann. Und, nicht zu unterschätzen, sich zum anderen derartigen Vereinnahmungen gegenüber erwehren kann.

Auf der anderen Seite führt das aber im linken deutschen Feuilleton dazu, dass einige Verrenkungen gemacht werden müssen, wenn man Corpus Delicti im Jahr 2021 dann doch anfasst. Nachzulesen etwa im Deutschlandfunk, der Meinung längst nicht mehr vom Journalismus unterscheiden kann, wo man schleunigst vom heiklen Thema eines Gesundheitsstaates zum ebenfalls von Juli Zeh als Bedrohung erkannten Überwachungsstaat überwechselt. Das auf dem Umschlag der 1. Auflage des Romans als Taschenbuch zu lesen ist, es handle sich um „eine bittere Parabel auf alle totalitären Systeme und das Zerrbild unserer möglichen Zukunft“ würde einem NDR-Redakteur so heute wohl nicht mehr über die Lippen kommen.

„Ich entziehe einer Politik das Vertrauen, die ihre Popularität allein auf das Versprechen eines risikofreien Lebens stützt.“

Wer Corpus Delicti heute erneut liest, und mit den Positionen der Autorin heute abgleicht, wird aber vor allem eine bemerkenswerte, weil inzwischen äußerst seltene Charaktereigenschaft an Juli Zeh feststellen: Sie hat ihre Grundposition nicht verändert.

Und nun zum Roman

Doch genug des politischen Vorspiels zu Juli Zeh’s bis heute einzigem ausdrücklich politischen Roman. Worum geht es in Corpus Delicti denn sonst noch? Nun, es ist eine Geschwistergeschichte von zwei auf den ersten Blick unterschiedlichen Charakteren. Da ist Moritz, der Außenseiter, der – wäre das Wort heute nicht so vergiftet – Querdenker, der sich der herrschenden METHODE entzieht. Der in die freie, den herrschenden Hygienemaßstäben widersprechende Natur flieht und sogar das Verbrechen begeht, sich mal eine Zigarette zu gönnen. Und auf der anderen Seite ist seine Schwester Mia, die Naturwissenschaftlerin, die die METHODE als vernünftig ansieht und bis zu einem Wendepunkt in ihrem Leben nicht einmal auf die Idee kommt, das System zu hinterfragen. Dieser Wendepunkt ist die Mordanklage gegen ihren Bruder, der sich dem Einfrieren – die Todesstrafe gilt als inhuman – durch Selbstmord entzieht. Von seiner Unschuld überzeugt, beginnt Mia gegen das System zu rebellieren. Unterstützt von einem halbrebellischen, aber im Grunde doch feigen Anwalt, gelingt es ihr sogar die Unschuld ihres Bruders zu beweisen. Doch die METHODE schlägt zurück, und sie hat mit Heinrich Kramer einen bedingungslosen Erfüllungsgehilfen.

„Um frei zu sein, darf man den Tod nicht als Gegenteil des Lebens begreifen.“

Kramer übernimmt in diesem als Justizkrimi angelegten Roman die Rolle der vierten Gewalt, und erinnert fast ein wenig an jenen Karl-Eduard von Schnitzler, der über Jahrzehnte das Gesicht der DDR-Propagandasendung Der schwarze Kanal war.  Er ist die personifizierte METHODE, auf dessen Einschreiten hin sogar die Justiz spurt. Doch seine Rolle allein als Mias Gegenpart zu beschreiben greift zu kurz, denn Mia und Kramer brauchen einander für ihre Ziele, die letzterer sogar als gemeinsame Ziele beschreibt. Diese Beziehung zwischen den beiden zeichnet die Autorin grandios, während die Rückblicke auf die Geschwisterbeziehung manchmal recht nostalgisch-verklärt daherkommt und die Motivation der Nebenfiguren (Mias Anwalt, oder auch ihre Bewunderin Driss) recht blutleer wirken.

Der Roman bleibt eine Warnung

Der Leser wird von einem fiktiven Erzähler durch die Handlung geführt, oder vielleicht ist es ja auch eine Erzählerin. Etwa die „heimliche Geliebte“, jene imaginäre Liebhaberin, die Moritz sich erschaffen hat, und die er an Mia vererbt. Das zu entscheiden bleibt dem Leser selbst überlassen. So wie es ihm auch überlassen bleibt, Corpus Delicti im Angesicht der Ereignisse der Coronapandemie neu zu deuten. Denn viel, was in jener vor über zehn Jahren entworfenen Dystopie einer Gesundheitsdiktatur undenkbar schien, mag heute beileibe nicht eingetroffen sein, ist aber doch denkbar geworden. Der Leser sollte Corpus Delicti heute mehr denn je als das begreifen, als was dieses Buch entstanden ist, als Warnung.

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