Buchkritik: „Bullshitjobs – Vom wahren Sinn der Arbeit“ von David Graeber

David Graebers Analyse der modernen kapitalistischen Arbeitswelt, könnte in Zeiten der Digitalisierung noch wichtiger werden.

Das größte unausgesprochene Paradox unserer modernen Kultur setzt David Graeber in seinem Klassiker Bullshitjobs fast ans Ende:

  1. Das Gefühl für die eigene Würde und den Selbstwert verkörpert sich für die meisten Menschen darin, dass sie mit Arbeit ihren Lebensunterhalt verdienen.
  2. Die meisten Menschen hassen ihren Job.

Hass ist natürlich ein großes Wort, und heute inflationär verwendet. Aber tatsächlich gibt es kaum eine Umfrage unter Arbeitern und Angestellten, bei der nicht die Mehrheit alles andere als freudig jeden Morgen erwacht und voller Dankbarkeit für ihren bald beginnenden Job erfüllt ist. Das Gros der Menschen arbeitet, um sich das Bett und die Wohnung leisten zu können, in der sie jeden Morgen aufwachen.

Natürlich gibt es die Jobs, die ihren Besitzern einen Sinn im Leben verleihen. Da fällt einem natürlich zuerst die Krankenschwester oder Kindergärtnerin ein – und Graeber fällt etwas auf, was man beim darüber nachdenken nicht von der Hand weisen kann: Niemand kann ernsthaft bestreiten, dass ausgerechnet solche Berufe erschreckend schlecht bezahlt werden. Graebers Erklärung dafür: Die Job würden ja Sinn machen – als würde die moderne Gesellschaft darauf bestehen, diese Erfüllung sei Teil der Bezahlung.

Da verwundert es nicht, dass die Bullshitjobs von denen David Graeber spricht eben vor allem auch eines sind: sinnlos Aber dafür eben auch gut bezahlt. Sein Paradebeispiel ist der Konzernanwalt, der bei Konkurrenten nach Möglichkeiten sucht sie zu verklagen und selbst Klagen abwehren soll, die der Konzernanwalt der Konkurrenz anstrengt. Gebe es weder den einen noch den anderen – niemand würde sie vermissen. Und das ist auch eine der Definitionen von Bullshitjobs, mit denen Graeber aufwartet, niemand würde sie vermissen und in der Regel wäre die Welt vielleicht sogar ein bisschen besser.

Doch während ein Konzernanwalt seinen Job vielleicht noch mögen kann, hassen die meisten Menschen ihre Bullshitjobs dann doch. Zum Beispiel weil er zu 90% daraus besteht unter Stress so zu tun, als würde man arbeiten. Und nein, damit sprechen wir nicht von einem typischen Beamtenjob. Solche Stellen gibt es auch in der Marktwirtschaft reichlich. Konstruierte Stellenbeschreibungen entstehen werktäglich auch in gewinnorientierten Unternehmen, sei es, um eine einzige nur wenige Stunden die Woche in Anspruch nehmende Tätigkeit auszuführen oder schlicht aus Prestigegründen: Der Vorgesetzte will einen Untergebenen mehr, das Unternehmen eine Empfangsdame im Foyer, an Beispielen mangelt es Graebers Buch jedenfalls nicht.

Hier und da kann man natürlich einiges kritisieren. Seine Herleitung der Arbeitsmoral aus der Religion steht beispielsweise auf tönernen Füßen. Graeber verwechselt Religion mit dem Christentum, das Christentum mit dem Protestantismus, den Protestantismus mit Calvinisten und Puritanern. Letztere waren allerdings im Kapitalismus so erfolgreich, dass ihre Wertekonstruktion tonangebend wurde und ihr Bild von der Arbeit als Mühsal und Charakterbildend auch die westliche Gesellschaft dominiert. (Es ist übrigens noch gar nicht so lange her, da konnte man katholische Gebiete und Länder an einer schwächeren Wirtschaftskraft erkennen – man könnte aber auch einfach sagen, Katholiken wussten noch zu leben.) Heute leben wir um zu arbeiten, und arbeiten nicht mehr um leben zu können. So erklärt sich auch so manches Schicksal in Graebers Buch, bei dem Menschen krampfhaft bemüht sind so zu tun, als würden sie arbeiten.

Dabei könnten wir die 40 Stunden Woche wahrscheinlich tatsächlich abschaffen und die effektive Arbeit in weit geringeren Zeiten erledigen. Aber tatsächlich haben wir uns ab einer bestimmten Phase der industriellen Revolution zu einer Gesellschaft verwandelt, in der nur derjenige Mensch etwas wert ist, der arbeitet. Darin sind sich Kapitalisten, wie Sozialisten vollkommen einig. Man werfe nur einen Blick auf die „Vollbeschäftigung“ in den ehemaligen kommunistischen Ländern. Ohne ein Übermaß an Bullshitjobs hätte dieser Status nie funktioniert. Und auch wenn es ironisch ist, und seine Vertreter auf die Palme bringt, der Kapitalismus ist keinen Deut besser. Welche Marktwirtschaft strebt schließlich nicht auch das Ziel Vollbeschäftigung an? Graeber bringt diese Erkenntnis auf den Punkt, als er den Kapitalisten als bad cop und den Linken als good cop bezeichnet – aber beide sind eben Cops.

Tatsächlich steuern wir mit dieser Kultur aber auf ein Desaster zu, das Graeber 2018 zwar schon hätte vorhersehen können, aber nicht thematisierte. Die Digitalisierung macht einen großen Teil unserer heutigen Jobs überflüssig. Wer Graebers Buch gelesen hat, der wird erahnen, dass unsere Reaktion darauf noch auf Jahrzehnte hinaus nicht die Suche nach neuen Lösungen sein wird, sondern die Schaffung neuer Bullshitsjobs. Diese bestehen entweder daraus Dinge zu tun, die ein Computer längst effektiver tun könnte, oder – der Betreffende tut nichts, außer so zu tun, als würde er etwas tun. Und leidet darunter. Denn entgegen der kulturell geprägten Ansicht, der Mensch wolle ja von sich aus arbeiten, will er das eigentlich nicht. Vielmehr will der Mensch sich sinnvoll beschäftigen, wir definieren eine sinnvolle Beschäftigung eben nur als bezahlte Arbeit. Zum Leidwesen von Müttern und Vätern, die mit der Erziehung oft eine weit sinnvollere Aufgabe erfüllen, als durch ihren Lohn- und Brotjob.

Der Gesellschaft an sich aber tut das alles heute schon nicht gut. Nicht wenig an dem Hass, der uns heute an allen Ecken begegnet, lässt sich darauf zurückführen, dass in der modernen Arbeitswelt seit Jahrzehnten eine offensichtliche, aber totgeschwiegene Fehlentwicklung herrscht. Wer kann schon auf einem gesellschaftlichen Fundament aufbauen, von dem eine große Anzahl der weiß, dass sie sinnlos ist.

Die Lösung, und hier sind wir bei meiner Ansicht, kann nur sein, die Arbeit aus dem Zentrum der menschlichen Existenz zu entfernen, und den Menschen wieder zurück dorthin zu stellen. Jeder Mensch hat das Recht auf Wertschätzung, allein weil er ein Mensch ist (und ein Ebenbild Gottes, wie ich als Christ noch hinzufügen würde). Stattdessen sehen wir aber auch in aktuellen Diskussionen um Hartz IV noch immer das genaue Gegenteil. Wer nicht arbeitet, so die Meinung wohl der Mehrheit, ist auch nichts wert. Dabei geht diese Mehrheit nur den wenigen Profiteuren des Systems auf dem Leim, von denen sie selbst nicht weniger ausgenutzt wird. Genauso wie Marxisten den Kapitalisten auf dem Leim gehen, weil sie deren Vorstellungen von Kapital und Arbeit an sich nicht hinterfragen.

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